Kapitel 4: Die Geschichte, die du glauben willst
Wie merke ich, dass ich nur noch Gründe für eine Entscheidung sammle, die schon gefallen ist?
Kurz gesagt: Daran, dass du kaum noch nach Gegengründen suchst. Der Bestätigungsfehler ist gut belegt: Menschen suchen und deuten Informationen so, dass sie zur eigenen Meinung passen. Kapitel 4 zeigt am Fall Wirecard, wie überzeugend eine gemeinsame Geschichte sein kann, und wie Umkehrprobe, Pre-Mortem und die Größe einer Position helfen.
Was das Kapitel zeigt
- Gut belegtDass Menschen Informationen passend zur eigenen Meinung suchen und deuten, ist in der Psychologie vielfach gezeigt worden, mit Daten von Anlegern allerdings selten.
- Gut belegtBei Schätzfragen lagen Kunden eines deutschen Onlinebrokers weit daneben: Die Bereiche, die sie angaben, waren viel zu schmal.
- Erste HinweiseMehr gehandelt haben in dieser Studie nicht die schlecht Schätzenden, sondern diejenigen, die sich für überdurchschnittlich hielten.
- Erste HinweiseIn einer kleinen Laborstudie dämpfte ein Pre-Mortem die Zuversicht in einen Plan; ob dabei bessere Pläne herauskamen, blieb ungeprüft.
So beginnt das Kapitel
Die Angaben zu Wirecard in diesem Auszug stammen aus der Chronologie des Bundesfinanzministeriums; die Belege nennt das Buch in den Endnoten.
Im Jahr 2018 gab es an der deutschen Börse ein Unternehmen, über das die meisten Fachleute, die es beobachteten, ähnlich dachten. Es wickelte Zahlungen im Internet ab und wurde von der großen Mehrheit der Analysten zum Kauf empfohlen. Sein Name war Wirecard.
Was die Fachleute dachten, lässt sich ziemlich genau beziffern. Nach einer Auswertung, die das Bundesfinanzministerium 2020 in einer Chronologie veröffentlichte, standen den Anlegern 2018 an einem durchschnittlichen Tag 19 Kaufempfehlungen von Analysten zur Verfügung, dazu 8 Empfehlungen zum Halten und eine einzige Verkaufsempfehlung. 2019 waren es 22 Kaufempfehlungen, 4 zum Halten und 3 zum Verkaufen. Die Jahresabschlüsse des Unternehmens waren von 2009 bis 2018 von einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ohne Einschränkung bestätigt worden.
Quellen, auf die sich das Kapitel stützt
- BGH2021 – Bundesgerichtshof, Pressestelle (2021): Pressemitteilung Nr. 044/2021 – KapMuG-Rechtsbeschwerden im …
- BMF2020 – Bundesministerium der Finanzen (2020): Sachstandsbericht und Chronologie Wirecard (Stand 16.07.2020)
- CWOC2010 – Computerwoche (dpa/tc) (09.03.2010): Höhepunkt des Irrsinns: „Neuer Markt“ vor zehn Jahren auf Rekordhoch
- GLAS2007 – Markus Glaser, Martin Weber (2007): Overconfidence and Trading Volume
- HEIS2006 – heise online (Redaktion) (13.11.2006): Aufstieg und Fall der T-Aktie
- NICK1998 – Raymond S. Nickerson (1998): Confirmation Bias: A Ubiquitous Phenomenon in Many Guises
- NOBE2013 – Nobel Prize Outreach (Nobelpreis-API, Abruf 28.09.2026): The Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel 2013 – Eugene F. Fama, Lars Peter Hansen, Robert J. Shiller, „for their empirical analysis of asset prices“
- SEC2021 – U.S. Securities and Exchange Commission, … (2021): Staff Report on Equity and Options Market Structure Conditions in …
- SHIL2017 – Robert J. Shiller (2017): Narrative Economics
- TELE2016 – Deutsche Telekom AG (18.11.2016): 20 Jahre T-Aktie – Ein rechnerischer Rückblick
- VEIN2010 – Beth Veinott, Gary Klein, Sterling Wiggins (2010): Evaluating the effectiveness of the PreMortem technique on plan …
- VEIN2020 – Elizabeth Keysor, Aliyah Wojtyna, Elizabeth … (2020): Premortem: Evaluating two structured analytic techniques for group …