Ankereffekt

Kurz gesagt: Der Ankereffekt beschreibt, dass eine zuerst gesehene Zahl spätere Schätzungen in ihre Richtung zieht. In einer großen Replikation mit 36 Stichproben und 6.344 Personen gehörte er zu den stärksten geprüften Effekten. Für Anlageentscheidungen ist er kaum direkt untersucht; dass Kaufkurs oder Kursziel als Anker wirken, ist plausibel, aber nicht belegt.

Woran erkennst du den Ankereffekt im Depot?

An Sätzen, in denen eine Zahl die Begründung ersetzt. „Die stand doch schon bei 80, da ist sie mit 50 günstig.“ „Das Kursziel liegt bei 120.“ „Unter 100 kaufe ich nach.“ In all diesen Sätzen steckt eine Zahl, die deine Einschätzung festhält, bevor du über das Unternehmen, den Fonds oder deinen Plan nachgedacht hast.

Typische Kandidaten für Anker sind dein eigener Kaufkurs, ein früherer Höchststand, ein Kursziel aus einem Artikel und runde Marken. Ob diese Zahlen bei dir tatsächlich wie Anker wirken, kann dir niemand von außen sagen. Die Frage ist, ob du begründen kannst, warum gerade diese Zahl für deine Entscheidung wichtig ist.

Was sagt die Forschung zum Ankereffekt?

Das bekannteste Beispiel stammt aus einem Aufsatz von Amos Tversky und Daniel Kahneman aus dem Jahr 1974. Teilnehmende sahen eine Zahl von einem Glücksrad und schätzten danach einen Anteil. Wer die 10 gesehen hatte, schätzte im Median 25, wer die 65 gesehen hatte, 45.1 Dieses Beispiel eignet sich heute allerdings nur noch als historische Illustration, dazu gleich mehr.

Belastbarer ist eine große Wiederholungsstudie: In 36 Stichproben mit zusammen 6.344 Personen wirkten vorgegebene Vergleichszahlen, die als relevant präsentiert wurden, sehr deutlich. Der Ankereffekt gehörte zu den größten Effekten, die in diesem Projekt geprüft wurden. Wie stark er war, hing unter anderem davon ab, wie viel die Personen über das Thema wussten.2

Eine neue Meta-Analyse mit 2.601 Effektgrößen bestätigt insgesamt große Ankereffekte, auch nach Korrektur für selektives Veröffentlichen. Sie findet aber schwächere oder gar keine Effekte bei zufälligen Zahlen, bei beiläufig gesehenen Ankern und bei Ankern aus einer anderen Größenordnung. Auch Anreize und gezielte Gegenmaßnahmen schwächten den Effekt.3 Das berühmte Glücksrad gehört damit ausgerechnet zu dem Typ, der heute als schwach gilt.4

Was fehlt: Die Studien arbeiten meist mit Wissensfragen, nicht mit Geld im eigenen Depot. Einen direkten Test, ob dein Kaufkurs deine Kursschätzung verzerrt, haben wir nicht gefunden. Verwandt ist ein Feldbefund: Als ein chinesischer Broker begann, Gewinne und Verluste gegenüber dem Kaufpreis groß anzuzeigen, verstärkte sich die Neigung seiner Kunden, Gewinner zu verkaufen und Verlierer zu halten, um 17 Prozent.5 Das zeigt, dass eine sichtbare Vergleichszahl Verhalten verändert. Ein Beleg für den Ankereffekt im engeren Sinn ist es nicht.

Wann ist es gar kein Fehler?

Nicht jede Vergleichszahl ist ein Denkfehler. Wenn eine Zahl wirklich etwas über die Sache aussagt, darfst du sie verwenden. Der Unterschied liegt darin, ob du den Grund benennen kannst. „Ich brauche in zwei Jahren 20.000 Euro, also darf dieser Teil nicht stark schwanken“ ist eine Zahl mit Grund. „Sie stand schon mal bei 80“ ist eine Zahl ohne Grund: Der frühere Kurs sagt nichts darüber, was das Unternehmen heute wert ist. Auch der Kaufkurs kann sachlich zählen, etwa bei der Steuer. Dann gehört er in eine Rechnung, nicht in ein Gefühl.

Was hilft gegen den Ankereffekt?

Kurz gefragt

Ist der Kaufkurs ein Anker? Möglich, aber nicht direkt belegt. Gut belegt ist ein verwandtes Muster, der Dispositionseffekt: Anleger verkaufen Positionen im Plus eher als Positionen im Minus.

Hängt der Ankereffekt mit dem Bestätigungsfehler zusammen? Beide halten dich bei einer ersten Einschätzung fest. Der Bestätigungsfehler betrifft aber die Auswahl von Informationen, der Ankereffekt eine einzelne Zahl.

Weiterlesen

Dieser Lexikon-Eintrag gehört zur Recherche für das Buch „Der Markt kennt deinen Kaufkurs nicht“ über Börsenpsychologie. Er vermittelt allgemeine Finanzbildung und ist keine Anlageberatung.

Quellen

  1. A-KV-1b26 · TVER1974 – Tversky & Kahneman (1974), Science 185, S. 1128.
  2. A-KV-1b24 · KLEI2014 – Klein et al. (2014), Social Psychology 45(3), S. 142, 148–149.
  3. A-KV-1b25 · SCHL2026 – Schley & Weingarten (2026), Management Science. Nur Zusammenfassung geprüft; keine Punktschätzer übernommen.
  4. A-KV-1b26 · TVER1974; SCHL2026. Einordnung aus der Recherche.
  5. A-IN-309 · FRYD2020 – Frydman & Wang (2020), Journal of Finance 75(1). 17 % laut Zusammenfassung der Zeitschriftenfassung.
  6. A-IN-305 · MORE2015 – Morewedge et al. (2015), Policy Insights from the Behavioral and Brain Sciences. Kein Finanzkontext; Tests ähneln dem Training.