Aufmerksamkeitseffekt

Kurz gesagt: Der Aufmerksamkeitseffekt beschreibt, dass Privatanleger bei Aktien, die gerade auffallen, deutlich mehr kaufen als verkaufen: nach Nachrichten, bei ungewöhnlich hohem Handelsvolumen oder nach extremen Kursbewegungen. Bei einem großen US-Broker gab es bei Aktien mit auffällig hohem Handelsvolumen fast doppelt so viele Käufe wie Verkäufe. Profis, vor allem Value-Fondsmanager, zeigten dieses Muster nicht.

Woran erkennst du den Aufmerksamkeitseffekt im Depot?

Schau dir an, wie deine Einzelaktien ins Depot gekommen sind. Stand am Anfang eine Schlagzeile, ein Kurssprung, eine Liste der „meistgehandelten Werte“ oder eine Benachrichtigung auf dem Handy? Dann hat Aufmerksamkeit die Vorauswahl getroffen. Das ist nicht automatisch schlecht. Es heißt aber, dass viele andere Aktien nie in Betracht kamen, weil sie an diesem Tag niemandem auffielen.

Ein Hinweis ist auch der Zeitpunkt: Käufe, die am selben Tag wie eine auffällige Nachricht erfolgen, sind selten das Ergebnis einer Prüfung.

Was sagt die Forschung zum Aufmerksamkeitseffekt?

Brad Barber und Terrance Odean haben den Effekt in Kontodaten großer US-Broker aus den 1990er-Jahren nachgewiesen. Privatanleger waren bei Aktien, die gerade Aufmerksamkeit erregten, Netto-Käufer, auch nach starken Kursverlusten.1 Bei Aktien im obersten Zwanzigstel des ungewöhnlichen Handelsvolumens gab es fast doppelt so viele Käufe wie Verkäufe; ebenso nach extrem schlechten Vortagesrenditen.2 Professionelle Vermögensverwalter, insbesondere Value-Manager, zeigten das Muster nicht.3

Die Erklärung der Autoren ist einleuchtend: Beim Kauf müssen Anleger aus Tausenden Aktien wählen und beschränken sich auf das, was ihnen auffällt. Beim Verkauf wählen sie nur aus dem eigenen Depot.4 Gemessen wurde dieser Mechanismus nicht. Ebenso wichtig ist, was die Studie nicht zeigt: Dass solche Käufe schlechtere Folgerenditen haben, ist dort eine Modellfolgerung, kein eigener Befund.5

Neuere Daten stützen das Muster. Nutzer der US-App Robinhood handelten stärker aufmerksamkeitsgetrieben als andere Privatanleger; wenn die App ausfiel, sank der Handel in besonders beachteten Aktien überproportional. Die jeweils meistgekauften Aktien des Tages entwickelten sich in den folgenden 20 Tagen im Mittel um 4,7 Prozent schlechter als vergleichbare Werte.6 Diese Studie kennen wir bisher nur aus ihrer Zusammenfassung. In Daten zweier deutscher Banken führten Käufe per Smartphone häufiger zu riskanteren, lotterieartigen Papieren und zum Nachlaufen hinter vergangenen Gewinnern und Verlierern, verglichen mit Käufen derselben Person über andere Kanäle.7

Wann ist es gar kein Fehler?

Ohne Aufmerksamkeit gäbe es keine Auswahl; niemand kann alle Aktien prüfen. Wer breit gestreute Indexfonds kauft, umgeht die Auswahl weitgehend. Wer Einzelaktien kauft, darf durch eine Nachricht auf ein Unternehmen stoßen. Der Fehler beginnt dort, wo die Nachricht die Prüfung ersetzt, statt sie anzustoßen.

Was hilft gegen den Aufmerksamkeitseffekt?

Kurz gefragt

Ist das dasselbe wie Herdentrieb? Verwandt, aber nicht gleich. Beim Aufmerksamkeitseffekt kaufst du, was auffällt; beim Herdentrieb das, was andere kaufen. Beides trifft oft zusammen.

Gilt das auch für Verkäufe? Nach der Erklärung der Autoren weniger, weil du beim Verkauf nur aus dem eigenen Depot wählst.4

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Dieser Lexikon-Eintrag gehört zur Recherche für das Buch „Der Markt kennt deinen Kaufkurs nicht“ über Börsenpsychologie. Er vermittelt allgemeine Finanzbildung und ist keine Anlageberatung.

Quellen

  1. A-AU-201 · BARB2008 – Barber & Odean (2008), Review of Financial Studies 21(2), S. 785, 788–789, 813.
  2. A-AU-202 · BARB2008, S. 788–789.
  3. A-AU-204 · BARB2008, S. 788–789, 813. Profi-Daten 1993–1996.
  4. A-AU-203 · BARB2008, S. 785–786, 813. Autoreninterpretation.
  5. A-AU-205 · BARB2008, S. 812–813. Abgrenzungshinweis.
  6. A-HE-201, A-HE-202 · BARB2022 – Barber, Huang, Odean & Schwarz (2022), Journal of Finance. Nur Zusammenfassung geprüft.
  7. A-NB-201 · KALD2021 – Kalda, Loos, Previtero & Hackethal (2021), NBER-Arbeitspapier 28363. Smartphone-Anteil ca. 2 % der Trades.
  8. A-NB-204 · CHAP2026 – Chapkovski, Khapko & Zoican (2026), Management Science. Nur Zusammenfassung geprüft.