Börsenblase und Narrative
Kurz gesagt: Von einer Börsenblase spricht man, wenn Kurse weit über das hinaus steigen, was sich mit Erträgen begründen lässt, und später stark fallen. Der Nemax 50 des Neuen Marktes verlor von März 2000 bis Oktober 2002 rund 97 Prozent. Welche Rolle Geschichten und Psychologie dabei spielen, ist plausibel beschrieben, aber schwer zu beweisen; vorher erkennen lassen sich Blasen kaum.
Woran erkennst du Blasendenken im Depot?
Nicht am Markt, sondern an deinen eigenen Begründungen. Wenn der wichtigste Grund für einen Kauf eine Geschichte über die Zukunft ist und der zweitwichtigste der bisherige Kursanstieg, bist du mitten in der Mechanik, die in Blasen eine Rolle spielen kann. Weitere Zeichen: Du kannst nicht sagen, welcher Kurs dir zu hoch wäre. Du erhöhst eine Position, weil sie gestiegen ist. Und Zweifel fühlen sich an, als hättest du etwas nicht verstanden.
Was sagt die Forschung zu Blasen und Narrativen?
Zuerst die deutsche Erfahrung. Der Nemax 50, der Index des Neuen Marktes, erreichte am 10. März 2000 9.694,07 Punkte und fiel bis zum 7. Oktober 2002 auf 306,32 Punkte, ein Verlust von rund 97 Prozent. Im Juni 2003 wurde das Segment geschlossen.1
Der Ökonom Robert Shiller argumentiert, dass sich wirtschaftlich wichtige Erzählungen ähnlich wie Epidemien verbreiten und selbst Ursache von Schwankungen sein können.2 Er räumt aber ein, dass kein kontrolliertes Experiment diese Bedeutung beweist und dass auch umgekehrt Kursbewegungen die Geschichten erzeugen können.3
Konkreter sind Daten zu einzelnen Episoden. In der Tech-Blase um 2000 waren jüngere, weniger erfahrene Fondsmanager stärker in Technologieaktien investiert und folgten dem Trend. Ihre Fonds wuchsen durch Zuflüsse von Privatanlegern stark, schnitten vor dem Höhepunkt besser und danach deutlich schlechter ab.4 Bei Kunden der Plattform eToro handelten dieselben Anleger bei Aktien und Gold eher antizyklisch, bei Kryptowährungen dagegen trendfolgend.5 Die Autoren vermuten ein Denkmodell, nach dem steigende Kurse eine künftige Massenverbreitung ankündigen; das ist eine Vermutung.6
Wann ist es gar kein Fehler?
Nicht jeder starke Anstieg ist eine Blase, und nicht jede gute Geschichte ist falsch. Ob Märkte sich systematisch irren, ist in der Forschung umstritten. Eugene Fama argumentiert, dass viele scheinbare Übertreibungen mit Zufall vereinbar sind und bei anderen Messmethoden verschwinden.7 Die Gegenseite hält fest, dass Preise deutlich vom fundamentalen Wert abweichen können, ohne dass sich das gefahrlos ausnutzen lässt.8 Für dich heißt das: Auch wer eine Blase richtig erkennt, kann mit einer Wette dagegen lange falschliegen. Wer breit gestreut investiert bleibt, während ein Markt steigt, macht keinen Denkfehler.
Was hilft gegen Blasendenken?
- Positionen mit einer großen Geschichte klein und begrenzt halten, mit einer vorher festgelegten Obergrenze im Depot. Plausibel, aber ungetestet.
- Regelmäßig zur Zielaufteilung zurückkehren. Schwedische Haushalte glichen marktbedingte Verschiebungen im Mittel etwa zur Hälfte aus.9 Das beschreibt Verhalten; ob eine solche Regel vor Blasen schützt, ist nicht getestet. Wann Gewinne mitnehmen sinnvoll sein kann, steht im Artikel Gewinne mitnehmen – wann ist das sinnvoll? Plausibel, aber ungetestet.
- Tempo herausnehmen, etwa mit einer Wartezeit vor Käufen außerhalb des Plans. Als persönliche Regel ist das plausibel, aber ungetestet. Verwandt ist ein Laborbefund auf Marktebene: Eine erzwungene Verlangsamung von Orderbestätigungen dämpfte in Experimentalmärkten Preisausschläge.10 Erste Hinweise.
Kurz gefragt
Kann man eine Blase vorher erkennen? Verlässlich nicht. Ob es eine war, zeigt sich meist erst hinterher, und auch dann ist die Deutung oft umstritten.7, 8
Welche Rolle spielen andere Anleger? Eine große. Wie Mitlaufen und die Angst, etwas zu verpassen, wirken, beschreiben die Einträge Herdentrieb und FOMO.
Weiterlesen
- Im Buch geht es in Kapitel 12 „Wenn es steigt“ um Hypes; Kapitel 4 behandelt die Macht von Erzählungen.
Dieser Lexikon-Eintrag gehört zur Recherche für das Buch „Der Markt kennt deinen Kaufkurs nicht“ über Börsenpsychologie. Er vermittelt allgemeine Finanzbildung und ist keine Anlageberatung.
Quellen
- A-EP-503 · CWOC2010 – Computerwoche (dpa), 09.03.2010. Sekundärquelle; Primärdaten der Deutschen Börse offen.
- A-NA-201 · SHIL2017 – Shiller (2017), American Economic Review 107(4); gelesen als NBER-Arbeitspapier 23075.
- A-NA-202 · SHIL2017, PDF-S. 3–4.
- A-HE-205, A-HE-206 · GREE2009 – Greenwood & Nagel (2009); gelesen als NBER-Arbeitspapier 2008.
- A-NA-203 · KOGA2024 – Kogan, Makarov, Niessner & Schoar, gelesen als NBER-Arbeitspapier 31317.
- A-NA-204 · KOGA2024, Zusammenfassung. Vermutung der Autoren.
- A-GE-1b33 · FAMA1998 – Fama (1998), Journal of Financial Economics 49(3), S. 283–284.
- A-GE-1b32 · BARI2003 – Barberis & Thaler (2003), Handbook of the Economics of Finance; gelesen als Arbeitspapier 2002.
- A-IN-337 · CALV2009 – Calvet, Campbell & Sodini (2009), Quarterly Journal of Economics 124(1), S. 301.
- A-IN-314 · FERR2021 – Ferri, Ploner et al. (2021), Journal of Behavioral and Experimental Finance. Nur Zusammenfassung geprüft.