Dispositionseffekt

Kurz gesagt: Der Dispositionseffekt ist die Neigung, Aktien im Plus eher zu verkaufen als Aktien im Minus. In Kontodaten eines US-Brokers aus den Jahren 1987 bis 1993 realisierten Anleger an Verkaufstagen einen deutlich höheren Anteil ihrer Buchgewinne als ihrer Buchverluste. Das Muster ist gut belegt, seine Ursache ist bis heute offen.

Woran erkennst du den Dispositionseffekt im Depot?

Du erkennst ihn selten an einer einzelnen Entscheidung, eher an einem Muster über viele. Typische Spuren: Fast alle Positionen, die du verkauft hast, lagen im Plus. Die Positionen, die seit Langem im Minus liegen, hast du nie ernsthaft geprüft. Und bei ihnen fällt ein bestimmter Satz: „Ich warte, bis sie wieder auf Einstand ist.“

Ein einfacher Selbsttest: Öffne die Verkaufsübersicht des letzten Jahres und zähle, wie viele Verkäufe mit Gewinn und wie viele mit Verlust endeten. Das Ergebnis ist keine Diagnose, denn vielleicht hattest du gute Gründe. Aber es zeigt, ob dein Kaufkurs öfter mitentscheidet, als dir lieb ist.

Was sagt die Forschung zum Dispositionseffekt?

Den Begriff prägten Hersh Shefrin und Meir Statman 1985. Sie erklärten das Verhalten mit einem Bündel von Gründen, darunter Verlustempfinden, mentale Konten, Reue und Selbstkontrolle; Steuern allein reichten ihnen als Erklärung nicht.1

Den bekanntesten Datenbeleg lieferte Terrance Odean. In Kontodaten eines US-Discountbrokers aus den Jahren 1987 bis 1993 lag der Anteil realisierter Gewinne an Verkaufstagen bei 0,148, der Anteil realisierter Verluste bei 0,098.2 Das Muster blieb bestehen, als er Verkäufe herausrechnete, die bloßes Umschichten sein konnten.3 Ein deutsches Laborexperiment mit Studierenden aus Kiel und Aachen fand dasselbe Bild: 59 Prozent der verkauften Aktien waren Gewinner, 36 Prozent Verlierer, obwohl fallende Kurse in diesem Versuch auf einen anhaltend schlechten Trend hindeuteten.4

Offen ist das Warum. Eine Auswertung von US-Kontodaten zeigte, dass die Verkaufsneigung sowohl mit größeren Gewinnen als auch mit größeren Verlusten steigt, ohne deutlichen Sprung an der Grenze zwischen Plus und Minus.5 Theoretiker zeigten, dass die einfachste Fassung der bekanntesten Theorie zum Verlustempfinden den Effekt nicht zwingend vorhersagt.6 Und in Daten eines britischen Onlinebrokers wirkte jeder Login wie ein neuer Referenzpunkt: Anleger beurteilten Positionen auch danach, wie sie sich seit dem letzten Blick entwickelt hatten.7 Mehrere Erklärungen stehen also nebeneinander.8

Für deutsche ETF-Sparpläne gibt es nach unserer Recherche keine Studie, die den Effekt direkt misst.9

Wann ist es gar kein Fehler?

Ein Verkauf im Plus ist nicht automatisch ein Denkfehler. Wer eine stark gestiegene Position zurückschneidet, weil sie einen zu großen Teil des Depots ausmacht, handelt nach Plan. Wer Geld braucht, verkauft, was sich verkaufen lässt. Und Steuern können den Kaufkurs zu einer sachlichen Größe machen: In Odeans US-Daten kehrte sich das Muster im Dezember um, weil Anleger dann Verluste aus steuerlichen Gründen realisierten.10 Wie das nach deutschem Recht für dich aussieht, gehört in die Steuerberatung, nicht in dieses Lexikon.

Umgekehrt ist „Verlierer immer verkaufen“ keine Lehre aus der Forschung. Zwar liefen in Odeans Daten die verkauften Gewinner im Folgejahr im Schnitt um 3,4 Prozentpunkte besser als die behaltenen Verlierer, jeweils gemessen am Markt.11 Das ist aber ein Durchschnitt aus vielen Entscheidungen in einer bestimmten Marktphase. Über deine Aktie sagt er nichts.

Was hilft gegen den Dispositionseffekt?

Kurz gefragt

Ist der Dispositionseffekt dasselbe wie Verlustaversion? Nein. Verlustaversion beschreibt, dass Verluste stärker gewichtet werden als gleich große Gewinne. Der Dispositionseffekt ist ein Verkaufsmuster. Verlustaversion ist eine mögliche Erklärung, aber nicht die einzige. Mehr dazu im Artikel Verluste schmerzen doppelt?

Was ist mit dem Gefühl, einen Verlust „endgültig“ zu machen? Das beschreibt die mentale Kontoführung: Ein geschlossenes Konto mit Verlust fühlt sich anders an als ein Buchverlust.

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Dieser Lexikon-Eintrag gehört zur Recherche für das Buch „Der Markt kennt deinen Kaufkurs nicht“ über Börsenpsychologie. Er vermittelt allgemeine Finanzbildung und ist keine Anlageberatung.

Quellen

  1. A-DE-1a12 · SHEF1985 – Shefrin & Statman (1985), Journal of Finance 40(3). Nur Zusammenfassung geprüft.
  2. A-DE-1a01 · ODEA1998 – Odean (1998), Journal of Finance 53(5), Tab. I, S. 1783.
  3. A-DE-1a02 · ODEA1998, Tab. IV–V, VII, S. 1790–1793.
  4. A-DE-1a06 · WEBE1998 – Weber & Camerer (1998), Journal of Economic Behavior & Organization 33; Zahlen aus dem Arbeitspapier 1991, S. 15. Abgleich mit der Zeitschriftenfassung offen.
  5. A-DE-1a08 · BEND2012 – Ben-David & Hirshleifer (2012), Review of Financial Studies 25(8), S. 2485–2491.
  6. A-DE-1a09 · BARI2009 – Barberis & Xiong (2009), Journal of Finance 64(2); gelesen als NBER-Arbeitspapier 12397.
  7. A-DE-1a10 · QUIS2024 – Quispe-Torreblanca, Gathergood, Loewenstein & Stewart (2024), Management Science.
  8. A-DE-1a13 · Eigene Synthese aus ODEA1998, WEBE1998, BEND2012, BARI2009, GAL2018, QUIS2024.
  9. A-DE-401 · Lückenbefund der Recherche (Suche nicht erschöpfend).
  10. A-DE-1a03 · ODEA1998, Tab. I, S. 1783. US-Steuerrecht 1987–1993, nicht auf Deutschland übertragbar.
  11. A-DE-1a04 · ODEA1998, Tab. VI, S. 1792.
  12. A-IN-308 · FRYD2014 – Frydman & Rangel (2014), Journal of Economic Behavior & Organization 107. Labor, 58 Teilnehmende.
  13. A-IN-309 · FRYD2020 – Frydman & Wang (2020), Journal of Finance 75(1). 17 % laut Zusammenfassung der Zeitschriftenfassung.
  14. A-IN-315 · FISC2017 – Fischbacher, Hoffmann & Schudy (2017), Review of Financial Studies 30(6), S. 2110, 2118–2119.
  15. A-DE-1a07 · WEBE1998, Zusammenfassung; Arbeitspapier S. 9, 26. Übertragung auf die Neustart-Frage ist eine eigene Ableitung.
  16. A-DE-1a11 · CHEU2025 – Cheung, Meta-Analyse von Dispositionseffekt-Experimenten, Arbeitspapier. Nur Zusammenfassung geprüft.