FOMO (Fear of Missing Out)
Kurz gesagt: FOMO steht für „Fear of Missing Out“, an der Börse die Angst, Gewinne zu verpassen, die andere machen. In einem Experiment lösten entgangene Gewinne stärkere negative Reaktionen aus als vermiedene Verluste. Belastbare Depotdaten dazu, dass FOMO Privatanlegern systematisch schadet, fehlen bisher. Der Begriff beschreibt eher eine Erfahrung als einen gemessenen Effekt.
Woran erkennst du FOMO im Depot?
An Käufen, die sich eilig anfühlen. Ein Wert ist in wenigen Wochen stark gestiegen, alle reden darüber, und der Gedanke „Wenn ich jetzt nicht einsteige, ist es zu spät“ wird lauter als die Frage, ob der Kauf in deinen Plan passt. Typisch sind Einstiege nach starken Anstiegen, Käufe außerhalb der üblichen Sparrate und Positionen, deren Größe du im Nachhinein nicht mehr begründen kannst.
FOMO hat auch eine leise Form: das ständige Vergleichen. Wer sieht, dass Bekannte mit einer Anlage viel verdient haben, fühlt einen Verlust, obwohl im eigenen Depot nichts verloren gegangen ist.
Was sagt die Forschung zu FOMO?
Weniger, als die vielen Ratgebertexte vermuten lassen. Eine experimentelle Studie untersuchte, wie Anleger auf Handelsbeschränkungen reagieren. Entgangene Gewinne lösten dort stärkere negative Reaktionen aus als vermiedene Verluste. Personen mit ausgeprägter anlagebezogener FOMO reagierten insgesamt negativer, waren aber von entgangenen Gewinnen im Vergleich zu vermiedenen Verlusten relativ weniger stark betroffen.1 Wir kennen diese Studie bisher nur aus ihrer Zusammenfassung.
Belastbare Felddaten dazu, dass FOMO die Entscheidungen echter Privatanleger systematisch verschlechtert, haben wir in unserer Recherche nicht gefunden.2 Es gibt verwandte Befunde, die zum Bild passen, ohne FOMO direkt zu messen. In der Tech-Blase um 2000 flossen Privatanleger überdurchschnittlich in Fonds unerfahrener Manager, die bis dahin besser abgeschnitten hatten; nach dem Höhepunkt liefen diese Fonds deutlich schlechter.3 Renditen im Bekanntenkreis beeinflussen den Einstieg in den Aktienmarkt.4 Und bei US-Bitcoin-ETFs verdiente der investierte Dollar nach einer Auswertung von Morningstar deutlich weniger als die Fonds selbst, weil Geld nach Anstiegen hinein- und in Rückgängen hinausfloss.5 Diese Rechenmethode ist allerdings umstritten.6
Dass Anbieter mit dem Gefühl arbeiten, zeigt eine Untersuchung des Verbraucherzentrale Bundesverbands. Er wertete 35 Newsletter von vier Neobrokern aus dem August 2023 aus und fand unter anderem Zeitdruck-Formulierungen und Ranglisten der meistgekauften Aktien. Der Verband wertet das als Versuch, die Angst vor verpassten Gewinnen zu nutzen.7 Die BaFin fordert Finfluencer ausdrücklich auf, keine psychologischen Tricks anzuwenden, etwa bei ihren Followern nicht die Angst zu erzeugen, etwas zu verpassen.8
Wann ist es gar kein Fehler?
Das Gefühl, etwas zu verpassen, ist nicht immer ein schlechter Ratgeber. Wenn du seit Jahren Geld auf dem Konto liegen hast, obwohl dein eigener Plan vorsieht, einen Teil langfristig anzulegen, kann der Stich beim Vergleichen ein berechtigter Hinweis sein. Dann geht es aber um deinen Plan, nicht um den Wert, der gerade gestiegen ist. Plausibel, aber ungetestet.
Was hilft gegen FOMO?
- Eine Wartezeit vor Käufen außerhalb des Plans. Direkt getestet hat eine solche Wartezeit niemand; sie ist plausibel, aber ungetestet. Verwandte Laborbefunde betreffen Erwartungen und Märkte: Verzögerte Informationen brachten Erwartungen näher an einen vernünftigen Maßstab, und eine verzögerte Auftragsbestätigung dämpfte in Labormärkten Preisausschläge (erste Hinweise).9
- Auslöser abschalten. In einem Online-Experiment verstärkten Kursbenachrichtigungen Fehler bei Personen mit falschen Erwartungen.10 Erste Hinweise; dass Abschalten dir hilft, ist plausibel, aber ungetestet. Wie App-Gestaltung und Push-Nachrichten das Handeln verändern, beschreibt der Artikel Neobroker, Push-Nachrichten und Handeln per App.
- Einen Plan für hektische Phasen haben, der auch für steigende Märkte gilt. Eine Vorlage bietet der Plan für hektische Börsenphasen. Plausibel, aber ungetestet.
Kurz gefragt
Ist FOMO dasselbe wie Herdentrieb? FOMO ist das Gefühl, Herdentrieb das Verhalten, das daraus folgen kann: anderen hinterherzulaufen.
Ist FOMO eine psychische Störung? Nein, im Anlagekontext ist es ein Alltagsbegriff für ein verbreitetes Gefühl, keine Diagnose.
Weiterlesen
- Im Buch geht es in Kapitel 12 „Wenn es steigt“ um Hypes und steigende Märkte.
Dieser Lexikon-Eintrag gehört zur Recherche für das Buch „Der Markt kennt deinen Kaufkurs nicht“ über Börsenpsychologie. Er vermittelt allgemeine Finanzbildung und ist keine Anlageberatung.
Quellen
- A-HE-207 · POTS2022 – Potsaid & Venkataraman (2022), Journal of Behavioral and Experimental Finance 33. Nur Zusammenfassung geprüft (Wortlaut RePEc).
- A-HE-208 · Lückenbefund der Recherche (Suchprotokoll F2; Suche nicht erschöpfend).
- A-HE-206 · GREE2009 – Greenwood & Nagel (2009); gelesen als NBER-Arbeitspapier 2008.
- A-SV-1b31 · KAUS2012 – Kaustia & Knüpfer (2012). Nur Zusammenfassung geprüft.
- A-MP-341 · MORN2026 – Ptak, Morningstar (2026), Artikel zu „Mind the Gap 2026“. Nur Auszug gelesen; kurzer Zeitraum.
- A-MP-340 · FULK2026 – Fulkerson, Jordan, Riley & Yan (2026), Financial Analysts Journal. Nur Zusammenfassung geprüft. Bezieht sich vermutlich auf eine frühere Ausgabe von „Mind the Gap“, nicht auf die Zahlen 2026.
- W-NB-03 · VZBV2024 – Verbraucherzentrale Bundesverband (2024), Investmentanreize in Newslettern von Neobrokern, S. 7, 12–15. Qualitative Auswertung, nicht verallgemeinerbar.
- W-FI-01 · BAFI2026 – BaFin, „Fünf Punkte, auf die Finfluencer achten sollten“ (19.08.2026).
- A-IN-313, A-IN-314 · TRUT2023; FERR2021. Nur Zusammenfassungen geprüft.
- A-NB-204 · CHAP2026 – Chapkovski, Khapko & Zoican (2026), Management Science. Nur Zusammenfassung geprüft.