Glück oder Können
Kurz gesagt: An der Börse lassen sich Glück und Können schwer trennen, weil Ergebnisse stark vom Zufall abhängen. Im Aggregat ist aktives Anlegen vor Kosten ein Nullsummenspiel und nach Kosten ein Verlustgeschäft. Echte Auswahlfähigkeit ist bei Privatanlegern nach den vorliegenden Daten selten, und selbst gute Stockpicker decken oft ihre Handelskosten nicht.
Woran erkennst du die Verwechslung im Depot?
An der Geschichte, die du dir über deine Ergebnisse erzählst. Ein gutes Jahr fühlt sich an wie ein Beweis für deine Methode, ein schlechtes wie Pech. Oder umgekehrt: Nach einem Verlust zweifelst du an einer Strategie, die vernünftig war. In beiden Fällen schließt du von einem kurzen Zeitraum auf eine Fähigkeit. Das ist verständlich, aber statistisch meist nicht gedeckt.
Eine hilfreiche Gegenprobe: Was hätte ein einfacher, breit gestreuter Indexfonds im selben Zeitraum gebracht, nach Kosten? Erst der Abstand dazu sagt etwas, und auch er nur über viele Jahre.
Was sagt die Forschung zu Glück und Können?
Der Ausgangspunkt ist eine buchhalterische Überlegung. Zusammengenommen halten alle Anleger den Markt. Vor Kosten kann das aktive Anlegen deshalb im Aggregat nur so gut sein wie der Markt, nach Kosten muss es schlechter sein. Das gilt für die Summe aller Anleger, nicht für den Einzelnen.1 Passend dazu lag das Aggregat aktiv gemanagter US-Aktienfonds von 1984 bis 2006 vor Kosten nahe am Markt, und die Kosten zeigten sich vollständig als geringere Anlegerrendite. Nur wenige Fonds deckten ihre Kosten.2
Wie viele Fonds echtes Können haben, ist methodisch umstritten. Eine Analyse zeigt, dass eine verbreitete Methode Können nur schwach erkennt, eine andere dagegen zu oft „Könner“ findet.3 Für Privatanleger kommt eine Übersicht über Daten aus den USA, Taiwan und Finnland zu dem Schluss, dass sie sich im Können unterscheiden, echte Auswahlfähigkeit aber selten ist und selbst gute Stockpicker oft ihre Handelskosten nicht decken.4
Am deutlichsten wird das beim Day-Trading. Von 1.551 Personen, die in Brasilien mit Day-Trading auf einen Index-Future begannen und mindestens 300 Tage dabeiblieben, verloren 97 Prozent Geld.5 In Taiwan war an einem durchschnittlichen Tag weniger als 3 Prozent der Day-Trader vorhersagbar profitabel.6
Wie viel Zufall allein erzeugt, zeigt eine Modellrechnung: Haben 1.000 Anleger ohne Können jedes Jahr eine Chance von 50 Prozent, den Markt zu schlagen, liegen nach fünf Jahren im Mittel etwa 31 von ihnen in jedem Jahr vorn.7 Eine Serie von Erfolgen ist also noch kein Beweis.
Wann ist es gar kein Fehler?
Können gibt es, nur nicht dort, wo man es am liebsten sucht. Ob du Kosten niedrig hältst, eine Aufteilung wählst, die zu deinem Leben passt, und in Krisen bei deinem Plan bleibst, liegt weitgehend in deiner Hand. Wer Erfolg darauf zurückführt, verwechselt nichts. Auch eine lange, gut dokumentierte Erfolgsbilanz ist ein ernstzunehmender Hinweis, nur eben ein schwacher, wenn sie kurz ist oder nicht mit einem passenden Vergleich gemessen wurde.
Was hilft, Glück und Können zu trennen?
- Mit einem einfachen Vergleichsmaßstab messen, nach Kosten und über mehrere Jahre. Plausibel, aber ungetestet als Schutz vor Selbsttäuschung.
- Entscheidungen statt Ergebnisse bewerten. Warum das so schwer ist, beschreibt der Eintrag Ergebnisverzerrung. Plausibel, aber ungetestet.
- Kosten ehrlich zählen. Warum mehr Handeln im Mittel weniger übrig lässt, zeigt der Artikel Mehr handeln, weniger behalten.
Kurz gefragt
Heißt das, niemand kann den Markt schlagen? Nein. Es heißt, dass es im Aggregat nach Kosten nicht geht und dass sich Einzelne mit echtem Können aus Ergebnissen schwer herausfiltern lassen.1, 3
Und die erfolgreichen Anleger in den sozialen Medien? Sichtbarer Erfolg ist kein verlässlicher Hinweis auf Können. Was über die Treffsicherheit von Finfluencern bekannt ist, steht im Artikel Kann ich Finfluencern vertrauen?
Weiterlesen
- Im Buch eröffnet dieses Thema Kapitel 1 „Gut entschieden, schlecht gelaufen“; um Trading geht es in Kapitel 15.
Dieser Lexikon-Eintrag gehört zur Recherche für das Buch „Der Markt kennt deinen Kaufkurs nicht“ über Börsenpsychologie. Er vermittelt allgemeine Finanzbildung und ist keine Anlageberatung.
Quellen
- A-GK-1b16 · FAMA2010 – Fama & French (2010), Journal of Finance 65(5), S. 1915 (nach Sharpe 1991).
- A-GK-1b15 · FAMA2010, S. 1915–1917.
- A-GK-1b17 · HARV2022 – Harvey & Liu (2022), Journal of Finance. Methodenbefund.
- A-GK-1b18 · BARB2013 – Barber & Odean (2013), Handbook of the Economics of Finance, S. 1544–1546.
- A-GK-1b12 · CHAG2019 – Chague, De-Losso & Giovannetti (2019), Arbeitspapier.
- A-GK-1b14 · BARB2020 – Barber, Lee, Liu, Odean & Zhang (2020); Zahlen aus dem Arbeitspapier 2017. Abgleich mit der Zeitschriftenfassung offen.
- A-GK-402 · Eigene Modellrechnung (1.000 × 0,5⁵ = 31,25).