Herdentrieb
Kurz gesagt: Herdentrieb heißt, dass Anleger ihre Entscheidungen am Verhalten anderer ausrichten statt an eigenen Informationen. Das kann teuer werden: Fonds unerfahrener Manager wuchsen bis zum Höhepunkt der Tech-Blase etwa auf das Vierfache, vor allem durch Zuflüsse von Privatanlegern. Nachahmung kann aber auch vernünftig sein, wenn andere tatsächlich mehr wissen.
Woran erkennst du den Herdentrieb im Depot?
An der Reihenfolge deiner Gründe. Beim Herdentrieb steht am Anfang nicht eine eigene Überlegung, sondern die Beobachtung, dass andere etwas tun: Kollegen reden über eine Aktie, im Freundeskreis kaufen alle denselben Fonds, eine App zeigt, was gerade am meisten gekauft wird. Die Begründung wird danach gesucht.
Ein einfacher Test: Schreib vor einem Kauf auf, warum du ihn tätigst, und streiche dann jeden Satz, der mit „alle“, „viele“ oder „gerade“ beginnt. Was übrig bleibt, ist dein eigener Grund. Wenn nichts übrig bleibt, kaufst du vor allem das Verhalten anderer.
Was sagt die Forschung zum Herdentrieb?
Dass Menschen sich an ihrem Umfeld orientieren, zeigt sich schon bei der Frage, ob sie überhaupt Aktien besitzen. Ältere US-Haushalte, die sozial stark eingebunden waren, etwa durch Kontakte in der Nachbarschaft, hielten häufiger Aktien, auch wenn man Vermögen, Bildung und Risikobereitschaft berücksichtigte. Ob das Umfeld die Ursache ist, lässt sich aus diesen Daten nicht sicher sagen.1 In einer anderen Studie beeinflussten die jüngsten Renditen im Bekanntenkreis den Einstieg in den Aktienmarkt; schlechte Renditen der anderen bremsten ihn aber nicht. Das passt dazu, dass über Verluste weniger gesprochen wird.2
Wie teuer Mitlaufen werden kann, zeigt die Tech-Blase um das Jahr 2000. Jüngere, weniger erfahrene Fondsmanager waren um den Höhepunkt stärker in Technologieaktien investiert und folgten dem Trend; ältere taten das nicht.3 Ihre Fonds wuchsen bis zum Höhepunkt etwa auf das Vierfache, zu einem großen Teil durch überdurchschnittliche Zuflüsse von Privatanlegern. Vor dem Höhepunkt schnitten sie besser ab, danach deutlich schlechter, im Saldo etwa null.4 Wer spät eingestiegen war, hatte die schlechte Hälfte erwischt.
Auch bei GameStop im Januar 2021 stieg der Kurs in knapp drei Wochen um rund 2.700 Prozent über das Tief vom 8. Januar und fiel danach bis Ende der ersten Februarwoche um über 86 Prozent.5 Die Mitarbeiter der US-Börsenaufsicht SEC hielten eher positive Stimmung als das Eindecken von Leerverkäufen für den Treiber; diese Deutung ist umstritten.6
Wann ist es gar kein Fehler?
Nachahmen ist nicht per se irrational. In der Forschung zum Herdenverhalten gehören soziales Lernen und Informationskaskaden dazu: Wer sieht, was andere tun, kann daraus etwas über deren Informationen lernen.7 Wenn viele erfahrene Leute einen einfachen, breit gestreuten Weg wählen, ist es kein Denkfehler, ihn ebenfalls zu gehen, solange er zu deiner Lage passt. Auch die Menge liegt nicht immer falsch: Ein aus den Beständen von Robinhood-Nutzern gebildetes Portfolio schnitt zwischen Mitte 2018 und Mitte 2020 gut ab. Der Autor wertet als belastbar vor allem, dass diese Anleger als Gruppe nicht von Profis ausgenutzt wurden.8
Der Fehler liegt nicht im Hinsehen, sondern darin, das Verhalten anderer mit einem Grund zu verwechseln.
Was hilft gegen den Herdentrieb?
- Den eigenen Grund vor dem Kauf aufschreiben, mit einer Erwartung, die man später prüfen kann. Das Entscheidungsjournal bietet dafür eine Vorlage. Plausibel, aber ungetestet.
- Eine Wartezeit einbauen. Ob eine Wartezeit vor eigenen Käufen Herdenkäufe verhindert, hat niemand direkt untersucht; plausibel, aber ungetestet. Verwandte Laborbefunde betreffen Erwartungen und Märkte: Verzögerte Informationen brachten Erwartungen näher an einen vernünftigen Maßstab, und eine verzögerte Auftragsbestätigung dämpfte in Labormärkten Preisausschläge (erste Hinweise, nur Zusammenfassungen geprüft).9
- Nach dem Einstiegszeitpunkt fragen: Kaufe ich, weil sich etwas geändert hat, oder weil der Kurs schon gestiegen ist? Plausibel, aber ungetestet.
Kurz gefragt
Ist Herdentrieb dasselbe wie FOMO? Nicht ganz. Herdentrieb beschreibt, dass du anderen folgst. FOMO beschreibt die Angst, einen Gewinn zu verpassen, der oft der Auslöser dafür ist.
Entstehen so Blasen? Herdenverhalten ist ein möglicher Baustein. Was die Forschung über Blasen weiß und was nicht, steht im Eintrag Börsenblase.
Weiterlesen
- Im Buch behandelt Kapitel 6 „Wenn alle anderen reicher werden“ soziale Vergleiche und das Mitlaufen.
Dieser Lexikon-Eintrag gehört zur Recherche für das Buch „Der Markt kennt deinen Kaufkurs nicht“ über Börsenpsychologie. Er vermittelt allgemeine Finanzbildung und ist keine Anlageberatung.
Quellen
- A-SV-1b30 · HONG2004 – Hong, Kubik & Stein (2004), Journal of Finance 59(1), S. 137–163; gelesen als Arbeitspapier 2001. Korrelation.
- A-SV-1b31 · KAUS2012 – Kaustia & Knüpfer (2012), Journal of Financial Economics 104(2), S. 321–338. Nur Zusammenfassung geprüft.
- A-HE-205 · GREE2009 – Greenwood & Nagel (2009), Journal of Financial Economics; gelesen als NBER-Arbeitspapier 2008, PDF-S. 2, 4.
- A-HE-206 · GREE2009, PDF-S. 4–6.
- A-EP-508 · SEC2021 – U.S. Securities and Exchange Commission, Staff Report (2021), S. 18–20.
- A-EP-509 · SEC2021, S. 26. Akademische Kritik existiert, nicht geöffnet.
- A-HE-209 · HIRS2003 – Hirshleifer & Teoh (2003), European Financial Management 9(1), S. 25–66. Nur Zusammenfassung geprüft.
- A-HE-203, A-HE-204 · WELC2022 – Welch (2022), Journal of Finance 77(3); gelesen als NBER-Arbeitspapier 27866. Kurzer Zeitraum, nur Aggregat.
- A-IN-313, A-IN-314 · TRUT2023; FERR2021. Nur Zusammenfassungen geprüft.