Home Bias (Heimatneigung)
Kurz gesagt: Home Bias bezeichnet die Neigung, einen überproportionalen Teil des Vermögens im eigenen Land anzulegen, gemessen am Anteil dieses Landes am Weltmarkt. Er ist für viele Länder, Anlageklassen und Anlegergruppen belegt, auch für Deutschland. Ob er Anlegern schadet, ist dagegen umstritten: Die Studienlage zu den Renditefolgen ist gemischt.
Woran erkennst du Home Bias im Depot?
Am einfachsten an einer Zahl: Welcher Anteil deines Aktienvermögens steckt in deutschen Unternehmen? Vergleiche ihn mit dem Anteil Deutschlands in einem weltweiten Aktienindex. Diesen Anteil findest du im aktuellen Datenblatt eines Welt-Indexfonds. Liegt dein Anteil deutlich darüber, hast du eine Heimatneigung, ob gewollt oder nicht.
Typische Wege dorthin: ein Fonds auf den deutschen Leitindex als erster Baustein, Einzelaktien von Unternehmen, deren Produkte du kennst, Aktien des eigenen Arbeitgebers. Nichts davon ist verboten. Die Frage ist, ob du den Anteil bewusst gewählt hast.
Was sagt die Forschung zum Home Bias?
Eine Übersichtsarbeit von Forschern der TU Darmstadt aus dem Jahr 2020 fasst Jahrzehnte an Studien zusammen. Ihr Befund: An der Existenz des Home Bias gibt es kaum Zweifel, seine Stärke unterscheidet sich aber nach Land, Zeitraum, Anlegergruppe und Messmethode.1 Der Maßstab kommt aus der klassischen Portfoliotheorie: In einem reibungslosen Markt würden Anleger den riskanten Teil ihres Geldes nach Weltmarktanteilen streuen.2
Die frühe Studie von Kenneth French und James Poterba fand mit Daten von Ende 1989, dass US-Anleger 93,8 Prozent ihres Aktienvermögens im eigenen Land hielten, japanische 98,11 und britische 82 Prozent.3 Für deutsche Anleger und deutsche Fonds ist eine Heimatneigung ebenfalls belegt; deutsche Fonds übergewichteten zudem auch andere europäische Länder.4 Privatanleger zeigen die Neigung stärker als Profis, weniger erfahrene stärker als erfahrene.5
Die Ursachen sind vielfältig. Steuern und Transaktionskosten erklären nach der Übersicht nur einen kleinen Teil. Wichtiger scheinen Informationsunterschiede, also besseres Wissen über heimische Unternehmen, und verhaltensbezogene Gründe: mehr Optimismus gegenüber dem Heimatmarkt, das Gefühl, sich dort besser auszukennen, schlichte Vertrautheit und Patriotismus.6 Welche Ursache am stärksten wirkt, ist offen.
Wann ist es gar kein Fehler?
Hier liegt der interessanteste Teil. Die Studienlage zu den Folgen ist gemischt. Einige Studien fanden, dass Anleger mit Heimat- oder Regionalneigung höhere Renditen erzielten, vor allem wenn sie tatsächlich einen Informationsvorsprung hatten; so verdienten lokale Investments von US-Privatanlegern in einer Studie jährlich 3,2 Prozentpunkte mehr als nicht lokale. Andere Studien fanden keinen Vorteil oder sogar Nachteile. Die Autoren der Übersicht folgern, dass diese gemischte Lage keine Empfehlung erlaubt, Kunden aktiv zu stärker internationaler Streuung zu drängen.7
Auch Absicherung kann ein Motiv sein. Nach der Übersicht ist die Absicherung gegen Schwankungen des realen Wechselkurses die am besten gestützte Begründung dieser Art; insgesamt wird die Rolle solcher Motive aber kontrovers diskutiert.6 Entscheidend ist, ob dein Anteil einem Grund folgt, den du benennen kannst, oder nur der Vertrautheit.
Was hilft gegen ungewollten Home Bias?
- Den eigenen Länderanteil kennen und mit dem Weltmarktanteil vergleichen. Plausibel, aber ungetestet als Gegenmittel; es macht die Abweichung aber sichtbar.
- Den gewünschten Anteil schriftlich festlegen, mit Begründung, zum Beispiel in deinen persönlichen Anlageregeln. Plausibel, aber ungetestet.
- Automatisierte Verwaltung ging bei Kunden einer deutschen Bank mit weniger Heimatneigung und breiterer Streuung einher, aber auch mit mehr Risiko und häufigeren Käufen.8 Erste Hinweise, und keine Produktempfehlung.
Kurz gefragt
Schützen KI-Assistenten vor Home Bias? Nicht unbedingt. In einem Experiment enthielten Portfolios, die Sprachmodelle empfahlen, im Vergleich zu einem breiten Weltindex höhere Länder- und Branchenklumpen.9 Mehr im Artikel KI zur Geldanlage fragen?
Hat Home Bias mit Selbstüberschätzung zu tun? Die Übersicht nennt das Gefühl, sich im Heimatmarkt besser auszukennen, als eine Ursache.6 Zum Thema passt der Eintrag Selbstüberschätzung.
Weiterlesen
- Im Buch geht es in Kapitel 3 „Woher deine Ideen kommen“ darum, wie Vertrautheit und Aufmerksamkeit bestimmen, was du überhaupt in Betracht ziehst.
Dieser Lexikon-Eintrag gehört zur Recherche für das Buch „Der Markt kennt deinen Kaufkurs nicht“ über Börsenpsychologie. Er vermittelt allgemeine Finanzbildung und ist keine Anlageberatung.
Quellen
- W-HB-01 · GAAR2020 – Gaar, Scherer & Schiereck (2020/2022), Management Review Quarterly 72(1), S. 21–57, Zusammenfassung und Schluss.
- W-HB-07 · GAAR2020, Einleitung. Modellmaßstab, keine Empfehlung.
- W-HB-02 · GAAR2020, Abschnitt „Empirical evidence …“, nach French & Poterba (1991). Sekundärangabe; Daten Ende 1989.
- W-HB-03 · GAAR2020, ebd., nach Lütje & Menkhoff (2007) und Oehler et al. (2008). Sekundärangabe.
- W-HB-04 · GAAR2020, Abschnitte zur Variation und zu Erfahrung. Sekundärangabe.
- W-HB-05 · GAAR2020, Abschnitte „Reasons and causes“. Autoreninterpretation der Übersicht.
- W-HB-06 · GAAR2020, Abschnitt „The performance of biased portfolios“ und Schluss; 3,2 % nach Ivković & Weisbenner (2005). Sekundärangabe.
- A-IN-321 · LOOS2020 – Loos, Previtero, Scheurle & Hackethal, Arbeitspapier 2020. Selbstselektion.
- A-NB-209 · WINN2025 – Winder, Hildebrand et al. (2025), PLOS ONE. Modellversionen 2023/24.