Kontrollillusion

Kurz gesagt: Die Kontrollillusion ist der Glaube, Ereignisse beeinflussen zu können, die vom Zufall abhängen. Der klassische Beleg von 1975 zeigte, dass Menschen selbst gewählte Lose höher bewerteten. Eine große, vorab registrierte Prüfung mit 17 Experimenten und 10.825 Personen fand diesen Effekt kaum wieder. Der Begriff ist bekannt, seine Beleglage umstritten.

Woran erkennst du die Kontrollillusion im Depot?

Sie zeigt sich im Gefühl, dass Nähe und Aktivität Sicherheit schaffen. Du schaust täglich nach, liest jede Meldung, schichtest häufiger um und hast dabei den Eindruck, die Lage im Griff zu haben. Oder du vertraust einer selbst ausgewählten Aktie mehr als einem breiten Fonds, obwohl du über die Zukunft beider gleich wenig weißt.

Ein Prüfstein: Welche deiner letzten Handlungen hat tatsächlich etwas an Risiko, Kosten oder Streuung geändert? Und welche hat vor allem das Gefühl erzeugt, etwas getan zu haben?

Was sagt die Forschung zur Kontrollillusion?

Den Begriff prägte die Psychologin Ellen Langer 1975. In ihrem bekanntesten Versuch durften manche Teilnehmende ihr Lotterielos selbst auswählen, andere bekamen eines zugeteilt. Als sie ihr Los wieder hergeben sollten, verlangten die Selbstwähler im Mittel 8,67 Dollar, die anderen 1,96 Dollar. Die Gruppen waren mit 27 und 26 Personen klein.1

Diese Idee wurde jahrzehntelang zitiert, auch in Ratgebern für Anleger. Eine große, vorab registrierte Prüfung mit 17 Experimenten und zusammen 10.825 Personen kam aber zu einem ernüchternden Ergebnis: Die bloße Möglichkeit, selbst zu wählen, erzeugte kaum eine Kontrollillusion.1 Wir kennen diese Prüfung bisher nur aus ihrer Zusammenfassung. Sie widerlegt nicht, dass Menschen ihren Einfluss manchmal überschätzen. Sie zeigt aber, dass der berühmte Beleg dafür schwächer ist als sein Ruf.

Für Anleger gibt es einen passenden Befund aus Deutschland. In einer Studie mit Kunden eines Onlinebrokers, deren Fragebogenantworten mit echten Handelsdaten verknüpft wurden, hing die gemessene Kontrollillusion nicht signifikant mit dem Handelsvolumen zusammen.2 Die Stichprobe war klein. In derselben Studie zeigte sich außerdem, dass „Selbstüberschätzung“ kein einheitliches Merkmal ist: Verschiedene Formen hingen unterschiedlich mit dem Handeln zusammen.3 Mehr gehandelt haben dort eher Anleger, die sich für besser als der Durchschnitt hielten.4 Mehr dazu im Eintrag Selbstüberschätzung.

Wann ist es gar kein Fehler?

Das Gefühl von Kontrolle ist berechtigt, wo du tatsächlich etwas steuerst. Das gilt für die Höhe deiner Sparrate, für Kosten, für die Aufteilung zwischen riskanten und sicheren Anlagen, für die Streuung und für den Zeitpunkt, an dem du dein Depot überprüfst. Wer sich um diese Stellschrauben kümmert, erliegt keiner Illusion. Die Illusion beginnt dort, wo du Kontrolle über den Kursverlauf selbst zu haben glaubst.

Was hilft gegen die Kontrollillusion?

Kurz gefragt

Ist die Kontrollillusion widerlegt? Nicht vollständig. Nicht bestätigt hat sich vor allem der klassische Beleg, dass schon die bloße Wahl eine Illusion erzeugt.1 Die Beleglage ist umstritten.

Warum steht sie dann in so vielen Ratgebern? Weil der Originalversuch anschaulich ist und lange nicht in großem Maßstab wiederholt wurde. Das ist ein Grund, bei bekannten Denkfehlern nach der aktuellen Beleglage zu fragen.

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Dieser Lexikon-Eintrag gehört zur Recherche für das Buch „Der Markt kennt deinen Kaufkurs nicht“ über Börsenpsychologie. Er vermittelt allgemeine Finanzbildung und ist keine Anlageberatung.

Quellen

  1. A-KV-1b28 · LANG1975 – Langer (1975), Journal of Personality and Social Psychology 32(2), S. 316–317; KLUS2021 – Klusowski, Small & Simmons (2021), Psychological Science. Replikation nur als Zusammenfassung geprüft.
  2. A-KV-1b29 · GLAS2007 – Glaser & Weber (2007), Geneva Risk and Insurance Review; gelesen als Arbeitspapier 2004, S. 24. Kleine Stichprobe.
  3. A-SU-1b09 · GLAS2007, Arbeitspapier S. 38–39.
  4. A-SU-1b07 · GLAS2007, Arbeitspapier S. 14–15, 24–28. 215 Kunden, selbstselektiert.