Mentale Kontoführung
Kurz gesagt: Mentale Kontoführung beschreibt, dass Menschen Geld gedanklich in getrennte Töpfe einteilen und es je nach Herkunft oder Zweck unterschiedlich behandeln. In Daten einer deutschen Onlinebank legten Kunden das Geld aus einem aufgelösten Fonds nach einem Gewinn zu 83 Prozent wieder an, nach einem Verlust nur zu 40 Prozent.
Woran erkennst du mentale Kontoführung im Depot?
Daran, dass du dieselbe Summe je nach Herkunft anders behandelst. Dividenden gibst du gern aus, aber eine Aktie zu verkaufen, fühlt sich an wie ein Griff in die Substanz. Eine Position, die im Minus liegt, betrachtest du als eigenes Konto, das erst „ausgeglichen“ sein muss. Ein Gewinn wirkt wie Geld, das dir nicht richtig gehört. Und nach einem Verlust fällt es schwer, das restliche Geld wieder anzulegen, auch wenn sich an deinem Plan nichts geändert hat.
Was sagt die Forschung zur mentalen Kontoführung?
Der Ökonom Richard Thaler hat das Konzept geprägt. Nach seiner Übersicht ordnen Menschen Geld nach Herkunft, Zweck und Zeitraum getrennten Konten zu, bewerten diese unterschiedlich oft und behandeln Geld damit nicht als voll austauschbar.1 Er deutet auch das Zögern beim Verkauf von Verlierern so: Ein Konto mit Verlust zu schließen, fühlt sich schmerzhafter an als ein Buchverlust.2 Das ist eine Erklärung, kein eigener Test.
Einen starken Feldbefund gibt es aus Deutschland. Steffen Meyer und Michaela Pagel untersuchten Kunden einer großen Onlinebank in den Jahren 2003 bis 2016, deren Fonds ohne eigenes Zutun aufgelöst wurde. Das Geld landete also auf dem Konto, ohne dass die Kunden verkauft hatten. Nach einem Gewinn legten sie es im Schnitt zu 83 Prozent wieder an, nach einem Verlust nur zu 40 Prozent; manche verließen den Aktienmarkt ganz.3 Mit Umschichten oder Steuermotiven ist das nach Ansicht der Autoren nicht vereinbar, wohl aber mit mentaler Kontoführung: Ein realisierter Verlust wirkt anders als ein Buchverlust.4 Die Kunden waren nicht repräsentativ, überwiegend Männer mit einem Durchschnittsalter von 54 Jahren.
Nicht alles aus den Lehrbüchern hält. In einer vorab registrierten Wiederholung von 17 klassischen Szenarien mit 1.007 Personen aus den USA replizierten 11 erfolgreich, 3 teilweise und 3 nicht. Ausgerechnet die Hauptaufgabe zum „Spielgeld-Effekt“, nach dem Menschen nach Gewinnen risikofreudiger werden, ließ sich nach Angabe der Autoren nicht wiederholen. Aufgaben dazu, ob man einzelne Wetten isoliert oder gebündelt betrachtet, replizierten dagegen.5
Wann ist es gar kein Fehler?
Getrennte Töpfe können eine vernünftige Selbstkontrolle sein. Ein Notgroschen auf einem eigenen Konto, ein Zweckdepot für eine absehbare Ausgabe, ein fester Betrag für die Sparrate: Solche Grenzen schützen davor, Geld für etwas zu verwenden, wofür es nicht gedacht ist. Thaler referiert eine ähnliche Erklärung dafür, dass Anleger Dividenden schätzen: als Regel „Dividende ausgeben, Kapital nicht anrühren“.6 Der Fehler liegt nicht in den Töpfen, sondern darin, wenn sie Entscheidungen verzerren, die das ganze Vermögen betreffen.
Was hilft gegen verzerrende mentale Konten?
- Das ganze Depot betrachten. In einem Laborexperiment sollten Teilnehmende jede Wahl „wie ein Händler“ als Teil eines größeren Portfolios sehen; sie gewichteten Verluste dann im Mittel um rund 16 Prozent weniger stark.7 Erste Hinweise, kleine Stichprobe. Welche Maßnahmen sonst tragen, steht im Artikel Was gegen Denkfehler wirklich hilft.
- Nach einem Verlust die Wiederanlage als eigene Entscheidung behandeln. Frag nicht, wie du den Verlust zurückholst, sondern was dein Plan für das Geld vorsieht. Mehr dazu im Artikel Verkauft – und jetzt steigt sie. Plausibel, aber ungetestet.
Kurz gefragt
Hängt mentale Kontoführung mit dem Dispositionseffekt zusammen? Sie ist eine der Erklärungen dafür, warum Anleger Gewinner eher verkaufen als Verlierer. Ob sie die wichtigste ist, ist offen. Mehr im Eintrag Dispositionseffekt.
Stimmt es, dass Gewinne leichtsinnig machen? Die Hauptaufgabe dazu ließ sich in einer großen Wiederholung nicht bestätigen.5
Weiterlesen
- Im Buch behandelt Kapitel 9 „Verluste, Reue und der Wunsch nach ‚Einstand‘“ mentale Konten und das Gefühl, einen Verlust „schließen“ zu müssen.
Dieser Lexikon-Eintrag gehört zur Recherche für das Buch „Der Markt kennt deinen Kaufkurs nicht“ über Börsenpsychologie. Er vermittelt allgemeine Finanzbildung und ist keine Anlageberatung.
Quellen
- A-KV-1a01 · THAL1999 – Thaler (1999), Journal of Behavioral Decision Making 12(3), S. 183.
- A-KV-1a02 · THAL1999, S. 189. Theoretische Deutung.
- A-KV-1a03 · MEYE2022 – Meyer & Pagel (2022), Journal of Finance 77(3); 83 % und 40 % in der Zusammenfassung der Zeitschriftenfassung bestätigt.
- A-KV-1a04 · MEYE2022, Zusammenfassung. Mechanismus nicht direkt gemessen.
- A-KV-1a05 · LI2025 – Li et al. (2025), Royal Society Open Science. Detailzuordnung einzelner Szenarien noch am Volltext zu prüfen.
- A-KV-1a06 · THAL1999, S. 197. Theoretische Erklärung; Steuerlogik US-spezifisch.
- A-IN-329 · SOKO2009 – Sokol-Hessner et al. (2009), PNAS 106(13), S. 5036–5037.