Reueaversion (Regret Aversion)

Kurz gesagt: Reueaversion bezeichnet die Neigung, Entscheidungen so zu treffen, dass man sie später möglichst nicht bereut. In Daten zweier US-Broker kauften Anleger Aktien, die sie mit Verlust verkauft hatten, seltener zurück als solche mit Gewinn, und mieden Aktien, die nach dem Verkauf gestiegen waren. Dass Reue dahintersteckt, ist eine Deutung; gemessen wurde sie nicht.

Woran erkennst du Reueaversion im Depot?

An Entscheidungen, die du vermeidest, obwohl es sachlich keinen Grund dafür gibt. Eine Aktie, mit der du Geld verloren hast, fasst du „nie wieder“ an. Eine Aktie, die nach deinem Verkauf weiter gestiegen ist, schaust du dir lieber gar nicht mehr an. Einen Verlust realisierst du nicht, weil er dann endgültig wäre. Und manchmal tust du einfach nichts, weil Nichtstun sich weniger nach eigener Schuld anfühlt als ein Fehler, den du aktiv begangen hast.

Was sagt die Forschung zur Reueaversion?

Schon Hersh Shefrin und Meir Statman nannten 1985 Reue als einen der Gründe für den Dispositionseffekt, also dafür, dass Anleger Gewinner eher verkaufen als Verlierer, neben Verlustempfinden, mentalen Konten und Selbstkontrolle.1

Den aufschlussreichsten Feldbefund liefert eine Studie mit Daten zweier US-Broker aus den 1990er-Jahren. Anleger kauften Aktien, die sie mit Verlust verkauft hatten, seltener zurück als Aktien, die sie mit Gewinn verkauft hatten. Bei einem Discountbroker lag die Rückkaufquote in steuerpflichtigen Konten bei 1,55 Prozent der Gelegenheiten nach einem Verlust gegenüber 3,54 Prozent nach einem Gewinn. Außerdem mieden die Anleger Aktien, die nach ihrem Verkauf gestiegen waren.2 Die Autoren deuten das als Vermeidung von Reue und Enttäuschung. Die Gefühle selbst haben sie nicht gemessen; das Muster ist belegt, die Erklärung ist eine Interpretation.3

Passend dazu reagierten Teilnehmende in einem Experiment auf entgangene Gewinne stärker negativ als auf vermiedene Verluste.4 Und in Daten einer deutschen Onlinebank legten Kunden das Geld aus einem aufgelösten Fonds nach einem Verlust deutlich seltener wieder an als nach einem Gewinn.5 Beides passt zum Bild, misst Reue aber ebenfalls nicht direkt.

Wann ist es gar kein Fehler?

Die Vorstellung, eine Entscheidung zu bereuen, ist nicht nur Störung. Sie kann dir etwas darüber sagen, welches Risiko du wirklich tragen willst. Wer weiß, dass er einen bestimmten Verlust schwer verkraften würde, darf das bei der Größe einer Position berücksichtigen, und zwar bevor er kauft. Plausibel, aber ungetestet. Auch eine Aktie nach einem Verlust nicht zurückzukaufen, kann gut begründet sein. Der Fehler liegt darin, wenn das Gefühl der einzige Grund ist.

Was hilft gegen Reueaversion?

Kurz gefragt

Ist Reue schlimmer nach Handeln oder nach Nichtstun? Dazu gibt es in unserer Recherche keinen geprüften Befund mit Anlegern. Die Daten zeigen nur, welche Käufe Anleger meiden.2

Ist Reueaversion dasselbe wie Verlustaversion? Nein. Verlustaversion betrifft das Gewicht von Verlusten, Reueaversion den Vergleich mit dem, was man hätte tun können.

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Dieser Lexikon-Eintrag gehört zur Recherche für das Buch „Der Markt kennt deinen Kaufkurs nicht“ über Börsenpsychologie. Er vermittelt allgemeine Finanzbildung und ist keine Anlageberatung.

Quellen

  1. A-DE-1a12 · SHEF1985 – Shefrin & Statman (1985), Journal of Finance 40(3). Nur Zusammenfassung geprüft.
  2. A-RE-1a01 · STRA2011 – Strahilevitz, Odean & Barber (2011), Journal of Marketing Research 48, S. S102, Tab. 1 S. S107.
  3. A-RE-1a02 · STRA2011, Zusammenfassung. Autoreninterpretation.
  4. A-HE-207 · POTS2022 – Potsaid & Venkataraman (2022). Nur Zusammenfassung geprüft.
  5. A-KV-1a03 · MEYE2022 – Meyer & Pagel (2022), Journal of Finance 77(3).
  6. A-IN-315 · FISC2017 – Fischbacher, Hoffmann & Schudy (2017), Review of Financial Studies 30(6).
  7. A-IN-316 · Eigene Ableitung aus FISC2017 und BRYA2010.