Rückschaufehler

Kurz gesagt: Der Rückschaufehler (Hindsight Bias) ist die Neigung, ein Ereignis für vorhersehbarer zu halten, sobald man seinen Ausgang kennt. Im Originalexperiment von 1975 stieg die zugeschriebene Wahrscheinlichkeit des mitgeteilten Ausgangs in allen 24 Bedingungen, im Mittel um 10,8 Prozentpunkte. Für Anleger heißt das: Nach einem Crash überschätzt du leicht, wie klar er vorher war.

Woran erkennst du den Rückschaufehler im Depot?

An Sätzen, die mit „eigentlich“ anfangen. „Eigentlich war doch klar, dass das nicht gut geht.“ „Eigentlich hätte ich damals verkaufen müssen.“ Im Frühjahr 2020 verlor der DAX in knapp einem Monat 38 Prozent.1 Im Rückblick fügen sich die Warnzeichen zu einer sauberen Geschichte. Die Frage ist, ob du sie damals genauso gesehen hast, mit derselben Sicherheit und rechtzeitig.

Der Rückschaufehler wirkt in beide Richtungen. Er macht vergangene Verluste zu „offensichtlichen“ Fehlern, und er macht vergangene Gewinne zum Beweis dafür, dass du es gewusst hast. Beides fühlt sich wie Lernen an, ist aber oft nur eine nachträglich geglättete Erinnerung.

Was sagt die Forschung zum Rückschaufehler?

Der Psychologe Baruch Fischhoff legte 1975 Studierenden kurze Schilderungen von Ereignissen vor. Manche erfuhren, wie die Sache ausgegangen war, andere nicht. Wer den Ausgang kannte, hielt ihn für wahrscheinlicher, und zwar in allen 24 Versuchsbedingungen, im Mittel um 10,8 Prozentpunkte. Die Teilnehmenden unterschätzten zugleich, wie stark dieses Wissen ihr Urteil beeinflusste.2 Direkte Wiederholungen fielen gemischt aus: Eine war erfolgreich, eine andere fand einen kleineren, statistisch nicht gesicherten Effekt.3

Für Finanzprofis gibt es eine Studie mit 85 Investmentbankern in London und Frankfurt. Wer stärker zum Rückschaufehler neigte, hatte eine geringere Leistung. In einem ergänzenden Experiment mit Studierenden in Mannheim führte der Rückschaufehler dazu, dass Schwankungen unterschätzt wurden.4 Das ist ein Zusammenhang aus einer Einzelstudie, die wir nur aus ihrer Zusammenfassung kennen.

Näher an deinem Depot ist ein Befund zum Gedächtnis: Anleger erinnerten ihre vergangenen Renditen besser, als sie waren, und vergaßen Verlierer eher. Wer seine Vergangenheit stärker schönte, überschätzte sich mehr und handelte mehr.5 Das ist streng genommen kein Rückschaufehler, aber sein naher Verwandter: Die Erinnerung passt sich dem an, was man heute glauben möchte.

Wann ist es gar kein Fehler?

Aus der Vergangenheit zu lernen, ist kein Denkfehler, sondern notwendig. Wenn du vor einer Entscheidung schriftlich festgehalten hast, was du erwartest, und es tritt ein, dann darfst du sagen, dass du es erwartet hast. Der Fehler liegt nicht im Rückblick selbst, sondern darin, die damalige Unsicherheit nachträglich kleinzureden. Ein Ereignis kann im Rückblick erklärbar sein, ohne vorher vorhersehbar gewesen zu sein.

Was hilft gegen den Rückschaufehler?

Kurz gefragt

Was ist der Unterschied zur Ergebnisverzerrung? Der Rückschaufehler betrifft die Frage, wie vorhersehbar ein Ereignis war. Die Ergebnisverzerrung betrifft die Frage, wie gut eine Entscheidung war. Beide treten oft zusammen auf.

Hilft es, den Fehler zu kennen? Allein wohl kaum. In Fischhoffs Experiment unterschätzten die Teilnehmenden den Einfluss ihres Wissens.2 Belastbarer ist, was schriftlich vorliegt.

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Dieser Lexikon-Eintrag gehört zur Recherche für das Buch „Der Markt kennt deinen Kaufkurs nicht“ über Börsenpsychologie. Er vermittelt allgemeine Finanzbildung und ist keine Anlageberatung.

Quellen

  1. A-EP-506 · BUBA2020 – Deutsche Bundesbank, Finanzstabilitätsbericht 2020, PDF-S. 16 inkl. Fn. 1.
  2. A-KV-1b19 · FISC1975 – Fischhoff (1975), Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance 1(3), S. 288, 290–291.
  3. A-KV-1b19 · CHEN2021; SEDA2025 (Preprint). Beide nur über Zusammenfassung bzw. Replikationsatlas geprüft.
  4. A-KV-1b20 · BIAI2009 – Biais & Weber (2009), Management Science 55(6), S. 1018–1029. Nur Zusammenfassung geprüft; Leistungsmaß ungeprüft.
  5. A-IN-326 · WALT2021 – Walters & Fernbach (2021), PNAS 118(36), Studien 1–2.
  6. A-IN-327 · WALT2021, Studie 3 (366 Anleger aus Online-Foren; 13,2 statt 16,4 geplante Trades).
  7. A-IN-328 · Lückenbefund (Suchprotokoll F3).