Selbstüberschätzung (Overconfidence)
Kurz gesagt: Selbstüberschätzung heißt, das eigene Wissen, Können oder die eigene Treffsicherheit höher einzuschätzen, als es gerechtfertigt ist. Sie ist kein einheitliches Merkmal: Bei deutschen Online-Broker-Kunden handelten jene mehr, die sich für überdurchschnittlich hielten, während zu enge Schätzspannen nicht mit dem Handel zusammenhingen.
Woran erkennst du Selbstüberschätzung im Depot?
An der Sicherheit, mit der du Dinge weißt, die man kaum wissen kann. „Die Aktie ist unterbewertet.“ „Der Markt dreht bald.“ „Ich merke rechtzeitig, wenn es kippt.“ Solche Sätze setzen voraus, dass du mehr weißt als die Menschen auf der anderen Seite deines Trades. Ein zweites Zeichen ist die eigene Bilanz im Kopf: Sie fällt meist besser aus als die im Kontoauszug.
Was sagt die Forschung zur Selbstüberschätzung?
Der bekannteste Zusammenhang stammt aus US-Kontodaten: Haushalte, die viel handelten, blieben nach Kosten deutlich hinter weniger aktiven zurück. Die Autoren Brad Barber und Terrance Odean deuten das viele Handeln als Folge von Selbstüberschätzung; gemessen haben sie diese nicht.1 Die Zahlen dazu stehen im Artikel Mehr handeln, weniger behalten.
Genauer hingeschaut hat eine deutsche Studie. Kunden eines Onlinebrokers beantworteten Fragebögen, die mit ihren echten Handelsdaten verknüpft wurden. Bei Schätzfragen zu Wissen und Börse lagen im Mittel 75 Prozent der wahren Werte außerhalb der Spannen, die sich die Befragten zu 90 Prozent sicher waren; gut kalibriert wären 10 Prozent gewesen.2 Diese Fehlkalibrierung hing aber nicht mit dem Handelsvolumen zusammen. Mehr handelten diejenigen, die sich bei Anlagefähigkeit oder Rendite für besser als der Durchschnitt hielten.3 Die Autoren folgern, dass „Selbstüberschätzung“ kein einheitliches Merkmal ist.4 Eine dritte Form, die Kontrollillusion, hing ebenfalls nicht mit dem Handeln zusammen.
Stärkere Daten kommen aus Finnland. Dort handelten Männer häufiger, deren Selbstvertrauen bei der Musterung höher war als ihr gemessenes Können, auch wenn man Vermögen, Einkommen und Alter berücksichtigte.5 In China erklärten bei mehr als 10.000 befragten Privatanlegern mit verknüpften Kontodaten vor allem zwei Motive die Unterschiede im Handeln: Freude am Spiel und der Glaube, einen Informationsvorsprung zu haben.6
Hinzu kommt ein Grund, warum man die eigene Selbstüberschätzung schlecht bemerkt: Menschen halten sich für weniger anfällig für Verzerrungen als andere, auch nachdem man ihnen die Verzerrung erklärt hat.7 Und Anleger erinnern ihre eigenen vergangenen Renditen besser, als sie waren.8
Wann ist es gar kein Fehler?
Ohne ein gewisses Vertrauen in die eigenen Entscheidungen würdest du gar nicht anlegen oder jeden Plan beim ersten Rückgang aufgeben. Zuversicht in einen gut begründeten, einfachen Plan ist keine Selbstüberschätzung. Problematisch wird es dort, wo du glaubst, besser zu wissen als der Markt, wann und was du kaufen solltest, und wo dieser Glaube Geld kostet.
Was hilft gegen Selbstüberschätzung?
- Nachschlagen statt erinnern. Anleger, die vor einer Befragung ihre echten Renditen nachschlugen, überschätzten sich weniger und planten weniger Trades.9 Erste Hinweise, gemessen an Absichten.
- Mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Ein kurzes Training im Umgang mit Wahrscheinlichkeiten verbesserte in einem großen, randomisierten Prognoseturnier die Treffsicherheit über die zwei Jahre des Wettbewerbs.10 Dort ging es um politische und wirtschaftliche Ja-Nein-Fragen, nicht um Kurse. Gut belegt im Prognosekontext, für Anlageentscheidungen plausibel, aber ungetestet.
- Erwartungen mit Prozentangabe aufschreiben und später prüfen, etwa in einem Entscheidungsjournal (Arbeitsmaterial W1). Plausibel, aber ungetestet.
Kurz gefragt
Handeln Männer mehr als Frauen? In US-Daten der 1990er-Jahre ja. Ein Gruppendurchschnitt sagt aber nichts über dich. In deutschen Daten fiel der Unterschied nach Berücksichtigung der Risikoneigung schwächer aus, in chinesischen zeigte er sich nicht; beides kennen wir nur aus einer Übersichtsarbeit.11
Ist Erfolg ein Beleg für Können? Nicht unbedingt. Warum das so schwer zu trennen ist, erklärt der Eintrag Glück oder Können.
Weiterlesen
- Im Buch geht es in Kapitel 7 „Handeln fühlt sich gut an“ um die Frage, warum Handeln so verlockend ist.
Dieser Lexikon-Eintrag gehört zur Recherche für das Buch „Der Markt kennt deinen Kaufkurs nicht“ über Börsenpsychologie. Er vermittelt allgemeine Finanzbildung und ist keine Anlageberatung.
Quellen
- A-SU-1b04 · BARB2000 – Barber & Odean (2000), Journal of Finance 55(2), S. 795–796. Autoreninterpretation.
- A-SU-1b08 · GLAS2007 – Glaser & Weber (2007); gelesen als Arbeitspapier 2004, S. 17–18.
- A-SU-1b07 · GLAS2007, Arbeitspapier S. 14–15, 24–28. 215 Kunden, selbstselektiert.
- A-SU-1b09 · GLAS2007, Arbeitspapier S. 38–39.
- A-SU-1b10 · GRIN2009 – Grinblatt & Keloharju (2009), Journal of Finance 64(2), S. 549–551, 574.
- A-SU-1b11 · LIU2022 – Liu, Peng, Xiong & Xiong (2022), Journal of Financial Economics, S. 4 der Autorenfassung.
- A-IN-301 · PRON2002 – Pronin, Lin & Ross (2002), Personality and Social Psychology Bulletin 28(3), S. 369.
- A-IN-326 · WALT2021 – Walters & Fernbach (2021), PNAS 118(36).
- A-IN-327 · WALT2021, Studie 3.
- A-IN-307 · MELL2014 – Mellers et al. (2014), Psychological Science 25(5).
- A-SU-1b05 · BARB2001 – Barber & Odean (2001), Quarterly Journal of Economics 116(1); Hinweis auf andere Länder nach BARB2013, S. 1546 (Sekundärangabe).