Aktie im Minus: verkaufen oder halten?
Kurzantwort: Ob du eine Aktie im Minus verkaufst oder hältst, sollte nicht vom Kaufkurs abhängen, sondern davon, ob du sie heute noch kaufen würdest, ob du das Geld brauchst und wie groß die Position in deinem Depot ist. Anleger halten Verlierer nachweislich eher zu lange. Eine Regel „Verlierer immer verkaufen“ folgt daraus aber nicht.
Kaum eine Frage wird in Anlegerforen so oft gestellt wie diese. Eine Aktie liegt 30, 40 oder 50 Prozent im Minus, und du weißt nicht, was du tun sollst. Verkaufen fühlt sich an wie Aufgeben. Halten fühlt sich an wie Hoffen. Und beides fühlt sich falsch an.
Eine Antwort, die für alle passt, gibt es nicht. Aber es gibt Fragen, die dir helfen, die Entscheidung von dem Gefühl zu trennen, das sie gerade blockiert.
Warum fällt der Verkauf im Minus so schwer?
Weil du nicht der Einzige bist, dem es so geht. In Kontodaten eines US-Brokers aus den Jahren 1987 bis 1993 realisierten Anleger an Verkaufstagen einen deutlich höheren Anteil ihrer Gewinne als ihrer Verluste.1 Dieses Muster heißt Dispositionseffekt. Es ist gut belegt, seine Ursache aber nicht; mehrere Erklärungen konkurrieren.2
Eine davon beschreibt der Ökonom Richard Thaler: Ein Konto mit Verlust zu schließen, fühlt sich schmerzhafter an als ein Verlust, der nur auf dem Papier steht.3 Das passt zu einem Befund aus Deutschland. Kunden einer großen Onlinebank, deren Fonds ohne eigenes Zutun aufgelöst wurde, legten das Geld nach einem Gewinn im Schnitt zu 83 Prozent wieder an, nach einem Verlust nur zu 40 Prozent.4 Ein realisierter Verlust verändert also, wie es danach weitergeht. Mehr dazu im Eintrag mentale Kontoführung.
Spielt der Kaufkurs für die Entscheidung überhaupt eine Rolle?
Für die Zukunft der Aktie nicht. Das Unternehmen weiß nicht, zu welchem Preis du gekauft hast. Für dich kann der Kaufkurs trotzdem sachlich wichtig sein, vor allem bei der Steuer: Ob du einen Gewinn oder einen Verlust realisierst, kann einen Unterschied machen. Wie genau, hängt von deiner Lage ab und gehört in eine steuerliche Beratung. Wichtig ist die Trennung: Der Kaufkurs darf als Zahl in einer Rechnung auftauchen, nicht als Gefühl, das eine Entscheidung vertagt.
Der häufigste Satz in dieser Lage lautet: „Ich warte, bis sie wieder auf Einstand ist.“ Eine einfache Rechnung zeigt, wie weit dieser Weg sein kann. Nach einem Rückgang um 20 Prozent braucht eine Aktie 25 Prozent Anstieg, um wieder auf dem alten Stand zu sein. Nach 50 Prozent Rückgang braucht sie 100 Prozent.5 Das kann passieren. Aber der Einstand ist kein Kursziel, das die Aktie kennt, sondern nur deins. Wer stattdessen nachkaufen möchte, um diesen Weg zu verkürzen, findet die Überlegungen dazu im Artikel Nachkaufen, um den Einstand zu senken?
Welche Fragen helfen bei der Entscheidung?
Fünf Fragen, in dieser Reihenfolge:
- Brauchst du das Geld in absehbarer Zeit? Wenn ja, ist das oft wichtiger als jede Einschätzung der Aktie. Geld, das du in zwei Jahren brauchst, gehört meist nicht in eine einzelne Aktie, egal ob sie im Plus oder im Minus liegt.
- Wie groß ist die Position im Verhältnis zu deinem Depot? Ein Minus von 50 Prozent auf zwei Prozent deines Vermögens ist ärgerlich. Auf 30 Prozent deines Vermögens ist es eine Frage der Tragfähigkeit.
- Würdest du diese Aktie heute mit frischem Geld zu diesem Preis kaufen? Diese „Neustart-Frage“ blendet den Kaufkurs aus. Sie ist aus Laborexperimenten abgeleitet: Wurden alle Bestände automatisch verkauft und mussten aktiv zurückgekauft werden, war der Dispositionseffekt deutlich schwächer.6 Als Übung für echte Anleger ist sie nicht getestet. Ausführlich erklärt ist sie in Kapitel 8 des Buches; den Anfang des Kapitels zeigt die Leseprobe „Der Kaufkurs im Kopf“.
- Was ist aus deinem ursprünglichen Grund geworden? Wenn du beim Kauf aufgeschrieben hast, warum du kaufst, kannst du jetzt prüfen, ob dieser Grund noch trägt. Wenn nicht, rekonstruiere ihn ehrlich.
- Was machst du mit dem Geld nach einem Verkauf? Nach dem Befund aus Deutschland ist das keine Nebensache.4 Leg vorher fest, wohin das Geld geht, damit ein Verkauf nicht unbemerkt zum Ausstieg aus dem Aktienmarkt wird.
Diese Fragen ersetzen keine Analyse der Aktie. Sie sollen dafür sorgen, dass die Analyse und nicht der Kaufkurs entscheidet.
Wann ist Halten vernünftig, wann Verkaufen?
Halten kann vernünftig sein, wenn du die Aktie heute wieder kaufen würdest, die Position zu deinem Depot passt und du das Geld nicht brauchst. Ein Kursrückgang allein ist kein Beweis, dass du falschlagst.
Verkaufen kann vernünftig sein, wenn der ursprüngliche Grund weggefallen ist, wenn die Position zu groß für dein Nervenkostüm oder deine Finanzen geworden ist oder wenn du das Geld für etwas anderes brauchst.
Was du aus der Forschung nicht ableiten kannst, ist eine Pauschalregel. In den US-Daten entwickelten sich verkaufte Gewinner im Folgejahr zwar im Schnitt um 3,4 Prozentpunkte besser als gehaltene Verlierer.7 Das ist aber ein Durchschnitt über Tausende Entscheidungen in einer bestimmten Marktphase. Über deine Aktie sagt er nichts.
Etwas anders liegt der Fall bei einem breit gestreuten Fonds. Dass ein ganzes Aktiendepot zeitweise im Minus liegt, ist normal. In einer Modellrechnung mit frei gewählten, vereinfachten Annahmen liegt ein breites Depot in einem einzelnen Jahr mit etwa 34 Prozent Wahrscheinlichkeit im Minus.8 Die Frage „verkaufen oder halten?“ stellt sich dort meist als Frage nach der Aufteilung, nicht nach dem einzelnen Wert.
Ein Beispiel
Deniz, 27, hält noch eine Position aus seinem ersten Börsenjahr 2021: Aktien eines Onlinehändlers, gekauft für 1.000 Euro. (Deniz ist eine erfundene Figur, die Zahlen sind zur Veranschaulichung gewählt.) Heute ist die Position 550 Euro wert, ein Minus von 45 Prozent. Um wieder bei 1.000 Euro zu sein, müsste die Aktie um gut 80 Prozent steigen.5
Deniz geht die fünf Fragen durch. Das Geld braucht er nicht. Die Position macht rund fünf Prozent seines Depots von rund 11.000 Euro aus. Würde er heute 550 Euro in dieses Unternehmen stecken? Er zögert, denn sein ursprünglicher Grund war ein Video, in dem jemand das Unternehmen als „nächsten großen Gewinner“ bezeichnete. Einen eigenen Grund hat er damals nicht aufgeschrieben; sein Journal führt er erst seit 2022. Er entscheidet sich, die Hälfte zu verkaufen und das Geld in seinen breiten Sparplan zu geben, und notiert sich für die andere Hälfte, unter welchen Bedingungen er sie in einem Jahr neu prüft.
Ob das die richtige Entscheidung war, wird Deniz nie sicher wissen. Aber diesmal hat nicht der Kaufkurs entschieden.
Häufige Fragen
Ist ein Verlust erst dann real, wenn ich verkaufe?
Wirtschaftlich nicht: Dein Vermögen ist schon jetzt entsprechend kleiner. Für das Gefühl macht es dagegen einen Unterschied, und das beeinflusst nachweislich, was Anleger danach tun.3, 4
Sollte ich nicht einfach eine Stop-Loss-Order setzen?
Das ist keine Pauschallösung. Eine klassische Stop-Order wird nach dem Auslösen in der Regel zu einem Verkaufsauftrag ohne Preisgrenze; bei Kurslücken kann der erzielte Preis deutlich unter dem Stoppkurs liegen.9 Im Labor senkten vorab festgelegte, automatisch ausgeführte Verkaufsregeln den Dispositionseffekt.10 Übertragbar ist eher das Prinzip, eine Regel vorher festzulegen, als ein bestimmtes Orderprodukt.
Kann ich eine Aktie verkaufen und später wieder kaufen?
Ja. Anleger kaufen mit Verlust verkaufte Aktien aber auffallend selten zurück.11 Wenn du das planst, schreib vorher auf, unter welchen Bedingungen.
Was du daraus machen kannst
Nimm dir die Position vor, bei der du am häufigsten „ich warte noch“ denkst, und beantworte die fünf Fragen schriftlich. Der Kauf- und Verkaufscheck bietet dafür eine kurze Vorlage. Das Ergebnis darf „halten“ lauten. Es sollte nur einen Grund haben, den du auch ohne Blick auf den Kaufkurs formulieren kannst.
Quellen
- A-DE-1a01 · ODEA1998 – Odean (1998), Journal of Finance 53(5), Tab. I, S. 1783.
- A-DE-1a13 · Eigene Synthese (ODEA1998, WEBE1998, BEND2012, BARI2009, GAL2018, QUIS2024).
- A-KV-1a02 · THAL1999 – Thaler (1999), Journal of Behavioral Decision Making 12(3), S. 189. Theoretische Deutung.
- A-KV-1a03 · MEYE2022 – Meyer & Pagel (2022), Journal of Finance 77(3). Onlinebank-Kunden, nicht repräsentativ.
- W-MR-01 · Eigene Rechnung: nötiger Anstieg = Rückgang ÷ (1 − Rückgang); 0,2 ÷ 0,8 = 25 %; 0,5 ÷ 0,5 = 100 %; 1.000 ÷ 550 − 1 ≈ 81,8 %.
- A-DE-1a07 · WEBE1998 – Weber & Camerer (1998); Arbeitspapier 1991, S. 9, 26. Übertragung auf die Neustart-Frage ist eine eigene Ableitung.
- A-DE-1a04 · ODEA1998, Tab. VI, S. 1792.
- A-AU-401 · Eigene Modellrechnung (7 % erwartete Rendite, 17 % Schwankung p. a., Normalverteilung, unabhängige Jahre). Illustration, kein Index.
- A-IN-401 · SPAR2026 – Sparkasse, Ratgeberseite zur Stop-Loss-Order (28.08.2026). Allgemeine Produktinformation.
- A-IN-315 · FISC2017 – Fischbacher, Hoffmann & Schudy (2017), Review of Financial Studies 30(6). Labor.
- A-RE-1a01 · STRA2011 – Strahilevitz, Odean & Barber (2011), Journal of Marketing Research 48, S. S102–S107.
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