Verkauft – und jetzt steigt sie: wieder einsteigen?

Kurzantwort: Ob du eine verkaufte Aktie wieder kaufst, sollte davon abhängen, ob sie heute zu deinem Plan passt, nicht davon, wie sehr dich der verpasste Anstieg ärgert. In US-Brokerdaten mieden Anleger Aktien, die nach ihrem Verkauf gestiegen waren, auffallend häufig. Die Forscher deuten das als Vermeidung von Reue; gemessen haben sie die Gefühle nicht.

Du hast verkauft, aus gutem Grund oder aus einem Gefühl heraus. Und dann steigt die Aktie. Erst ein bisschen, dann deutlich. Jeder Blick auf den Kurs rechnet dir vor, was du „verloren“ hast, obwohl dein Depot keinen Cent weniger enthält als am Tag des Verkaufs.

Aus diesem Ärger entstehen zwei entgegengesetzte Reaktionen. Die eine sagt: „Diese Aktie fasse ich nie wieder an.“ Die andere sagt: „Ich kaufe sie sofort zurück, dann ist der Fehler behoben.“ Beide haben mehr mit dem Gefühl zu tun als mit der Aktie.

Warum ärgert ein verpasster Anstieg so sehr?

Weil du dich mit einer Möglichkeit vergleichst, die es nicht mehr gibt. In einem Experiment lösten entgangene Gewinne stärkere negative Reaktionen aus als vermiedene Verluste.1 Dazu kommt der Blick zurück: Wer den Ausgang kennt, hält ihn nachträglich für wahrscheinlicher.2 „Das hätte ich doch wissen müssen“ ist deshalb ein Satz, der sich stimmiger anfühlt, als er ist.

Die Forschung zeigt auch, was Anleger mit diesem Gefühl tun. In Daten zweier US-Broker aus den 1990er-Jahren kauften Anleger Aktien, die sie mit Verlust verkauft hatten, seltener zurück als Aktien, die sie mit Gewinn verkauft hatten. Außerdem mieden sie Aktien, die nach dem Verkauf gestiegen waren.3 Die Autoren deuten das als Vermeidung von Reue und Enttäuschung: Wer zurückkauft, gesteht sich ein, dass der Verkauf zu früh war. Das ist eine Deutung; die Gefühle selbst wurden nicht gemessen.4 Mehr dazu im Eintrag Reueaversion.

War der Verkauf ein Fehler?

Nicht unbedingt. Ein Kursanstieg nach dem Verkauf zeigt nur, dass der Kurs gestiegen ist. Ob der Verkauf gut war, hängt davon ab, warum du verkauft hast und was du damals wusstest. Menschen neigen dazu, Entscheidungen nach ihrem Ausgang zu bewerten, obwohl sie selbst sagen, das Ergebnis solle keine Rolle spielen.5 Wenn du verkauft hast, weil du Geld brauchtest, weil die Position zu groß war oder weil dein Grund weggefallen war, dann war der Verkauf nach Plan, auch wenn die Aktie danach steigt. Wie du das fair prüfst, beschreibt der Artikel Warum fühle ich mich schlecht, obwohl ich gut entschieden habe?

Wenn du dagegen aus einem Impuls heraus verkauft hast, ist die Lehre nicht „nächstes Mal halten“, sondern „nächstes Mal mit einem Grund entscheiden“.

Soll ich wieder einsteigen?

Stell dir dieselbe Frage wie vor jedem Kauf: Würdest du diese Aktie heute, zu diesem Preis und in dieser Größe kaufen, wenn du sie nie besessen hättest? Diese Neustart-Frage ist aus Laborbefunden abgeleitet und plausibel, aber ungetestet. Ihr Vorteil: Sie blendet deine Geschichte mit der Aktie aus.

Dazu gehört eine unbequeme Einsicht. Dein Verkaufskurs ist für die Zukunft der Aktie genauso bedeutungslos wie dein Kaufkurs. Wer sich vornimmt, „erst wieder unter meinem Verkaufskurs“ zu kaufen, hat sich eine neue Vergleichszahl gesetzt. Dass vorgegebene Zahlen Schätzungen stark in ihre Richtung ziehen, ist in Experimenten gut belegt; für Anlageentscheidungen ist dieser Ankereffekt allerdings kaum direkt untersucht.6 Mehr dazu im Eintrag Ankereffekt.

Welche zwei Denkfallen drohen?

Die Vermeidung. Die Aktie wird zum Tabu, weil sie an den Ärger erinnert. Das entspricht dem Muster aus den US-Daten.3 Eine Aktie nicht zurückzukaufen, kann gut begründet sein. Wenn der einzige Grund das Gefühl ist, entscheidet es an deiner Stelle.

Die Wiedergutmachung. Du kaufst sofort zurück, oft zu einem höheren Preis und manchmal in größerem Umfang, um den Fehler „ungeschehen“ zu machen. Hier mischt sich der Ärger mit der Aufmerksamkeit, die eine stark gestiegene Aktie ohnehin auf sich zieht. Privatanleger kaufen bei Aktien, die gerade auffallen, etwa nach extremen Kursbewegungen, deutlich mehr, als sie verkaufen.7 In Daten deutscher Banken liefen Anleger bei Smartphone-Käufen häufiger vergangenen Gewinnern hinterher.8 Ob solche Käufe gut oder schlecht ausgehen, zeigen diese Studien nicht. Sie zeigen, dass der Anstieg selbst oft der Auslöser ist.

Bedenke außerdem: Ein Hin und Her kostet Handelskosten und kann steuerliche Folgen haben. Das gehört in die Rechnung, bevor du zurückkaufst.

Ein Beispiel

Werner, 63, hat den Verkauf nicht bereut, als er ihn machte. (Werner ist eine erfundene Figur, die Zahlen sind zur Veranschaulichung gewählt.) Von seiner besten Aktie, die von 10.000 auf 14.000 Euro gestiegen war, verkaufte er Anteile im Wert von 8.000 Euro, um sein neues Dach zu bezahlen. Seitdem ist die Aktie um weitere 15 Prozent gestiegen. Die verkauften Anteile wären jetzt 9.200 Euro wert.9 Werner ärgert sich, als er die 1.200 Euro ausrechnet.

Dann geht er zwei Fragen durch. War der Verkauf nach Plan? Ja: Das Dach musste bezahlt werden, und er hat bewusst die Position verkleinert, die am stärksten gewachsen war. Würde er die Aktie heute in dieser Größe neu kaufen? Er hält den Rest ohnehin noch, und das Geld für einen Rückkauf müsste er aus dem Geld nehmen, das für seine Rente gedacht ist; eine Rücklage hat er nicht. Werner kauft nicht zurück. Er schreibt in sein Entscheidungsjournal, warum, und verabredet mit sich, die 1.200 Euro nicht mehr nachzurechnen. Das ist die schwerste Regel von allen.

Vor welcher Entscheidung Werner mit zwei seiner Aktien stand, erzählt die Leseprobe „Der Kaufkurs im Kopf“.

Häufige Fragen

Soll ich eine Aktie nie wieder kaufen, mit der ich Verlust gemacht habe?
Eine solche Regel lässt sich nicht begründen. Anleger meiden solche Aktien auffallend häufig,3 aber ob sie heute zu deinem Plan passt, hat mit deiner früheren Erfahrung nichts zu tun.

Wie vermeide ich den Ärger beim nächsten Mal?
Ganz vermeiden lässt er sich nicht. Zwei Dinge können ihn begrenzen, beide plausibel, aber ungetestet: Teilverkäufe statt alles oder nichts, und ein schriftlicher Grund zum Zeitpunkt des Verkaufs. Wann ein Verkauf im Plus sinnvoll ist, steht im Artikel Gewinne mitnehmen – wann ist das sinnvoll?

Sollte ich den Kurs nach dem Verkauf weiter beobachten?
Wenn du einen Wiedereinstieg planst, mit festen Kriterien. Wenn nicht, spricht wenig dafür. Anleger erinnern ihre vergangenen Renditen ohnehin zu positiv; wer seine echten Zahlen nachschlug, überschätzte sich weniger.10 Nachschlagen ist besser als tägliches Nachrechnen.

Was du daraus machen kannst

Wenn du über einen Rückkauf nachdenkst, schreib zwei Sätze auf: warum du damals verkauft hast und warum du heute kaufen würdest. Wenn der zweite Satz ohne die Wörter „verpasst“, „zurückholen“ oder „Verkaufskurs“ auskommt, ist es eine Kaufentscheidung. Wenn nicht, ist es vermutlich ein Gefühl. Im Buch geht es in Kapitel 9 um Reue und in Kapitel 10 um den Blick zurück.

Quellen

  1. A-HE-207 · POTS2022 – Potsaid & Venkataraman (2022), Journal of Behavioral and Experimental Finance 33. Nur Zusammenfassung geprüft.
  2. A-KV-1b19 · FISC1975 – Fischhoff (1975), S. 288, 290–291.
  3. A-RE-1a01 · STRA2011 – Strahilevitz, Odean & Barber (2011), Journal of Marketing Research 48, S. S102, Tab. 1 S. S107.
  4. A-RE-1a02 · STRA2011, Zusammenfassung. Autoreninterpretation.
  5. A-KV-1b21 · BARO1988 – Baron & Hershey (1988), S. 569, 578.
  6. A-KV-1b24 · KLEI2014 – Klein et al. (2014), Social Psychology 45(3), S. 142, 148–149.
  7. A-AU-201 · BARB2008 – Barber & Odean (2008), Review of Financial Studies 21(2), S. 785.
  8. A-NB-201 · KALD2021 – Kalda, Loos, Previtero & Hackethal (2021), NBER-Arbeitspapier 28363.
  9. W-MR-06 · Eigene Rechnung: 8.000 × 1,15 = 9.200.
  10. A-IN-326, A-IN-327 · WALT2021 – Walters & Fernbach (2021), PNAS 118(36).

Allgemeine Finanzbildung, keine Anlageberatung. Fehler gefunden? Schreib uns über das Kontaktformular; Korrekturen stehen offen auf der Seite Korrekturen.

Weiterlesen