Kommt alle 7 Jahre ein Börsencrash? Ein Faktencheck

Kurzantwort: Für eine Regel, nach der alle sieben Jahre ein Börsencrash kommt, haben wir keinen Beleg gefunden. Die großen Einbrüche der letzten Jahrzehnte begannen 2000, 2007 und 2020, also in Abständen von sieben und dreizehn Jahren. Dass wir trotzdem Rhythmen erwarten, passt zu gut belegten Denkfehlern im Umgang mit Zufall.

„Der nächste Crash ist überfällig“ – dieser Satz taucht in Foren und Videos regelmäßig auf, oft mit einer Zahl: Alle sieben Jahre komme einer. Wer 2020 mitgerechnet hat, landet bei 2027. Klingt präzise. Hält es einer Prüfung stand?

Woher kommt die Sieben-Jahres-Regel?

Das konnten wir nicht klären. Eine Studie, die einen festen Sieben-Jahres-Rhythmus an der Börse belegt, haben wir nicht gefunden; auch eine belastbare Herkunft der Regel nicht.1 Die Zahl wirkt wie eine runde Faustregel, keine Messung. Das allein widerlegt sie nicht. Aber wer eine Regel behauptet, müsste sie mit Daten zeigen, und das geschieht in den Texten, die sie verbreiten, in der Regel nicht.

Was zeigen die Daten, die uns vorliegen?

Drei große Einbrüche sind gut dokumentiert. Der deutsche Nemax 50 verlor von März 2000 bis Oktober 2002 rund 97 Prozent.2 Der breite Weltindex MSCI World fiel von Ende Oktober 2007 bis Anfang März 2009 um 57,46 Prozent, gemessen in US-Dollar; das war sein größter Rückgang seit 1987.3 Und der DAX verlor 2020 im Corona-Crash in knapp einem Monat 38 Prozent.4

Zwischen den Beginnen dieser drei Einbrüche liegen sieben und dreizehn Jahre.5 Einmal passt die Regel also scheinbar, einmal nicht. Zwei Abstände sind aber viel zu wenig, um einen Rhythmus zu zeigen, und die Einbrüche waren völlig verschieden: eine Technologieblase, eine Bankenkrise, eine Pandemie. Ein fester Takt müsste sich über viele Jahrzehnte und viele Märkte zeigen. Diese Auswertung haben wir nicht vorgenommen; sie wäre aber die Voraussetzung dafür, von einer Regel zu sprechen.

Warum sehen wir im Zufall Rhythmen?

Weil unser Gehirn dem Zufall nicht traut. Psychologen haben gezeigt, dass Menschen erwarten, dass sich Zufall schon in kurzen Folgen „ausgleicht“: Nach einer langen Serie von Rot beim Roulette halten viele Schwarz für fällig, obwohl die Kugel kein Gedächtnis hat. Abweichungen werden nicht korrigiert, sie verdünnen sich nur.6 Übertragen auf die Börse: Nach vielen ruhigen Jahren fühlt sich ein Crash „überfällig“ an, als müsse der Markt eine Rechnung begleichen.

Dazu kommt, dass auffällige und kürzlich erlebte Ereignisse leichter in den Sinn kommen und deshalb für häufiger gehalten werden.7 Crashs sind laut, ruhige Jahre sind leise. Und im Rückblick wirkt jeder Einbruch vorhersehbarer, als er war.8 Beides macht eine Crash-Regel plausibel, ohne dass die Daten sie stützen. Dass diese Laborbefunde genau die Sieben-Jahres-Regel erklären, ist allerdings eine Ableitung, keine Messung.

Hilft es, auf den nächsten Crash zu warten?

Wer sein Geld zurückhält, weil der Crash „fällig“ ist, wettet auf einen Zeitpunkt. Was die Forschung über solches Timing weiß und warum es schwieriger ist, als es aussieht, steht im Beitrag Market Timing oder Time in the Market?. Und auch umgekehrt ist Vorsicht angebracht: Wer im Einbruch aus Angst verkauft, verkauft oft zum ungünstigsten Moment. Kunden einer italienischen Bank, die nach der Finanzkrise deutlich risikoscheuer wurden, verkauften am Tiefpunkt etwa viermal so häufig wie andere.9

Was hilft dir statt einer Crash-Regel?

Eine Annahme, die ohne Datum auskommt: Ein Einbruch kann jederzeit kommen, und keiner weiß, wann. Daraus folgen drei Vorkehrungen, alle plausibel, aber ungetestet:

  1. Plane mit der Größenordnung, nicht mit dem Termin. Ein breites Aktiendepot kann zeitweise mehr als die Hälfte verlieren. Frag dich, ob du das in Euro tragen könntest.
  2. Halte Geld, das du bald brauchst, außerhalb der Aktien. Dann musst du im Einbruch nicht verkaufen.
  3. Schreib deinen Plan für hektische Phasen auf, solange es ruhig ist. Eine Vorlage dafür ist der Plan für hektische Börsenphasen.

Häufige Fragen

Wann kommt der nächste Crash?
Das weiß niemand. Wer ein Datum nennt, stellt eine Prognose auf, und für eine feste Regel gibt es keinen Beleg.

Wie lange dauert es, bis sich die Kurse nach einem Crash erholen?
Das beziffern wir bewusst nicht. Solche Angaben hängen stark davon ab, ob Dividenden, Währung und Kosten eingerechnet werden. Was die Forschung über Anleger in Krisen weiß, steht im Beitrag Börsencrash: Was tun?

Ist ein Crash nach langen Aufwärtsphasen nicht wahrscheinlicher?
Diese Frage ist ernster als die Sieben-Jahres-Regel, und sie ist nicht unser Thema hier. Für einen festen Zeitabstand gibt sie jedenfalls nichts her.

Was du daraus machen kannst

Wenn dir jemand den nächsten Crash für ein bestimmtes Jahr ankündigt, frag nach den Daten dahinter. Und schreib deinen eigenen Krisenplan heute, nicht dann, wenn es so weit ist. Im Buch geht es in Kapitel 11 „Wenn es fällt“ um die Zeit nach dem Einbruch.

Quellen

  1. W-LU-05 · Websuche und Registerdurchsicht 29.09.2026. Suche nicht erschöpfend; kein vollständiger Crash-Katalog geprüft.
  2. A-EP-503 · CWOC2010 – Computerwoche (dpa), 09.03.2010. Sekundärquelle.
  3. A-EP-507 · MSCI2026 – MSCI World Index (USD), Factsheet, Stand 31.08.2026, S. 1. Bruttorendite in US-Dollar, vor Kosten und Steuern.
  4. A-EP-506 · BUBA2020 – Deutsche Bundesbank, Finanzstabilitätsbericht 2020, PDF-S. 16 inkl. Fn. 1.
  5. W-MR-10 · Eigene Rechnung: 2007 − 2000 = 7; 2020 − 2007 = 13.
  6. W-ZF-01 · TVER1974 – Tversky & Kahneman (1974), Science 185(4157), S. 1125. Übersicht über Laborbefunde.
  7. W-ZF-02 · TVER1974, S. 1127.
  8. A-KV-1b19 · FISC1975 – Fischhoff (1975), Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance 1(3), S. 288, 290–291.
  9. A-RI-335 · GUIS2018 – Guiso, Sapienza & Zingales (2018), Journal of Financial Economics 128(3), S. 403–404.

Allgemeine Finanzbildung, keine Anlageberatung. Fehler gefunden? Schreib uns über das Kontaktformular; Korrekturen stehen offen auf der Seite Korrekturen.

Weiterlesen