Cost-Average-Effekt: widerlegt oder nicht? Ein Faktencheck
Kurzantwort: Der Cost-Average-Effekt beschreibt, dass du mit festen Raten bei niedrigen Kursen mehr Anteile kaufst. Die Rechnung stimmt, belegt aber keinen Renditevorteil. Einen vorhandenen Betrag sofort anzulegen, lag in Daten von 1976 bis 2022 in etwa zwei von drei Fällen vorn. Der Wert eines Sparplans liegt eher in der Gewohnheit als in der Mathematik.
Kaum ein Argument für Sparpläne ist so verbreitet wie der Cost-Average-Effekt, im Englischen „Dollar-Cost Averaging“. Und kaum eines wird so oft „widerlegt“. Beide Seiten haben ein Stück recht, weil sie über verschiedene Dinge sprechen.
Was ist der Cost-Average-Effekt?
Wenn du regelmäßig einen festen Betrag anlegst, kaufst du bei niedrigen Kursen mehr Anteile und bei hohen weniger. Dadurch liegt dein durchschnittlicher Kaufpreis je Anteil unter dem einfachen Durchschnitt der Kurse. Ein Beispiel: Du legst zweimal 100 Euro an, einmal bei einem Kurs von 100 Euro, einmal bei 50 Euro. Du bekommst erst einen Anteil, dann zwei, zusammen drei Anteile für 200 Euro. Dein Durchschnittspreis beträgt 66,67 Euro je Anteil, der Durchschnitt der beiden Kurse liegt bei 75 Euro.1
Stimmt die Rechnung?
Ja. Das ist Mathematik: Der Durchschnittspreis bei fester Rate ist das sogenannte harmonische Mittel der Kurse, und das ist nie höher als ihr einfacher Durchschnitt.1 Nur sagt diese Rechnung nichts über deine Rendite. Sie vergleicht den Sparplan mit einer Strategie, die kaum jemand verfolgt, nämlich jedes Mal die gleiche Stückzahl zu kaufen. Die eigentliche Frage lautet anders: Wenn du einen Betrag schon hast, ist es besser, ihn sofort anzulegen oder ihn aufzuteilen?
Was zeigen Daten zum Vergleich mit der Einmalanlage?
Eine Studie des Fondsanbieters Vanguard hat das mit historischen Daten durchgerechnet. Mit dem Weltindex MSCI World von 1976 bis 2022 lag die sofortige Anlage nach einem Jahr in 68 Prozent der Fälle vor einer Aufteilung auf drei Monatsraten; in anderen Märkten und bei längeren Aufteilungen sah es ähnlich aus.2 Im Median war das Vermögen bei einem reinen Aktiendepot nach einem Jahr um 2,2 Prozent höher.3 Der Grund ist einfach: Geld, das auf seinen Einsatz wartet, verdient in diesen Monaten die Rendite der Anlage nicht, und Aktien entwickelten sich in diesem Zeitraum meist besser als Bargeld.
Das Bild hat eine Kehrseite. In den schlechtesten fünf Prozent der Fälle lag die Aufteilung vorn: Von 100.000 Dollar blieben nach einem Jahr 85.906 statt 82.947 Dollar.3 Und die Aufteilung schlug in 69 Prozent der Fälle das Halten von Bargeld.2 Wer einen Betrag aufteilt, verzichtet also im Mittel auf etwas Rendite und erkauft sich dafür in schlechten Phasen einen kleineren Rückschlag.
Einschränkend: Vanguard verkauft selbst Fonds, die Studie misst nur ein Jahr, und sie rechnet ohne Zinsen auf das wartende Geld; mit Zinsen schrumpft der Vorsprung etwas.
Passt dieser Vergleich zu deinem Sparplan?
Meistens nicht, und das wird in der Debatte oft übersehen. Die Studie untersucht ausdrücklich, was mit einem Betrag geschieht, der sofort verfügbar ist, etwa einer Erbschaft. Das regelmäßige Anlegen aus dem Gehalt ist nicht Gegenstand des Vergleichs.4 Wer jeden Monat 200 Euro aus dem Einkommen spart, hat keinen Einmalbetrag, den er stattdessen anlegen könnte. Für ihn ist der Sparplan nicht die schlechtere Variante des Timings, sondern die einzige Art, überhaupt anzulegen.
Was leistet der Sparplan dann wirklich?
Vor allem Verhalten, weniger Rendite. Voreinstellungen sind mächtig: Als ein US-Unternehmen seine Beschäftigten automatisch in die Betriebsrente aufnahm, stieg die Teilnahme stark.5 Wer sich vorab auf künftige Sparschritte festlegte, hielt sie in einem bekannten Programm erstaunlich gut durch.6 Ein Sparplan nimmt dir die monatliche Entscheidung ab, ob gerade ein guter Zeitpunkt ist. Dass das auch Anlegern hilft, ist eine naheliegende Übertragung, aber nicht direkt getestet.
Und für einen Einmalbetrag? Vanguard hat in einem Modell durchgespielt, wer die Aufteilung vorziehen würde: vor allem vorsichtige Anleger, die Verluste stark gewichten.7 Das ist eine Modellrechnung mit gesetzten Annahmen, keine Beobachtung. Sie passt aber zu einem Gefühl, das viele kennen: Die Angst, alles am Vortag eines Einbruchs angelegt zu haben. Mehr dazu im Lexikon-Eintrag Reueaversion.
Ein Beispiel
Miriam, 41, erbt 30.000 Euro. (Miriam ist eine erfundene Figur, die Zahlen sind ausgedacht.) Sie weiß, dass die sofortige Anlage im Mittel vorn lag. Sie weiß aber auch, dass sie sich im Fall eines Einbruchs im nächsten Monat Vorwürfe machen würde, und dass sie dann womöglich ganz aussteigen würde. Sie entscheidet sich für drei Raten von je 10.000 Euro in drei Monaten, mit festen Terminen im Kalender. Nach dem ersten Monat liegen also noch 20.000 Euro auf dem Konto.8 Das kostet sie im Mittel etwas Rendite. Dafür weiß sie, dass sie den Plan durchhält.
Entscheidend ist nicht, welche Variante sie wählt, sondern dass die Termine feststehen. Eine Aufteilung „bis es sich beruhigt hat“ wäre keine Aufteilung, sondern Timing. Warum das schwieriger ist, als es aussieht, steht in Market Timing oder Time in the Market?
Häufige Fragen
Ist der Cost-Average-Effekt also ein Mythos?
Die Rechnung ist kein Mythos. Ein Mythos ist die Behauptung, sie sichere eine höhere Rendite als die sofortige Anlage eines vorhandenen Betrags.
Sollte ich meinen Sparplan dann stoppen und sammeln?
Nein, das wäre Sparen auf dem Konto statt im Depot. Der Vergleich betrifft Beträge, die du schon hast, nicht Geld, das du erst verdienst. Was du tust, wenn die Kurse fallen, beschreibt Sparplan im Crash pausieren?
Wie lange sollte ich einen Einmalbetrag höchstens aufteilen?
Die Studie fand: Je länger die Aufteilung, desto größer im Mittel der Rückstand. Wer aufteilt, tut das deshalb besser kurz und mit festen Terminen.3
Was du daraus machen kannst
Wenn du einen Sparplan hast: Lass ihn laufen und miss ihn nicht am Cost-Average-Effekt, sondern daran, ob er dich regelmäßig anlegen lässt. Wenn du einen Einmalbetrag hast: Entscheide dich zwischen sofort und kurz aufgeteilt, und schreib die Termine auf. Im Buch geht es in Kapitel 13 „Was wirklich hilft – und was nur gut klingt“ um Voreinstellungen und Selbstbindung.
Quellen
- W-MR-07 · Eigene Rechnung: 100 ÷ 100 = 1; 100 ÷ 50 = 2; 200 ÷ 3 ≈ 66,67; (100 + 50) ÷ 2 = 75.
- W-CA-01 · VANG2023 – Finlay & Zorn (2023), Vanguard Research, S. 2–3 (Abb. 2) und S. 9 (Abb. 6). Anbieterstudie; ein Jahr Horizont; kein Zins auf wartendes Geld im Basisfall.
- W-CA-02 · VANG2023, S. 4–5 (Abb. 3). 100.000 $ Startwert, 100 % Aktien.
- W-CA-04 · VANG2023, S. 2 (Kasten „Clarifying cost averaging“).
- A-IN-318 · MADR2001 – Madrian & Shea (2001), Quarterly Journal of Economics 116(4); Zahlen aus dem Arbeitspapier.
- A-IN-317 · THAL2004 – Thaler & Benartzi (2004), Journal of Political Economy 112(1). Sparquote, keine Anlageentscheidung.
- W-CA-03 · VANG2023, S. 7 (Abb. 5). Nutzenmodell mit gesetzter Verlustaversion (λ = 2,5).
- W-MR-11 · Eigene Rechnung: 30.000 − 10.000 = 20.000 €.
Allgemeine Finanzbildung, keine Anlageberatung. Fehler gefunden? Schreib uns über das Kontaktformular; Korrekturen stehen offen auf der Seite Korrekturen.