Kann ich Finfluencern vertrauen?

Kurzantwort: Pauschal weder ja noch nein. In einer Auswertung von Daten der Plattform StockTwits hatten die schwächeren Finfluencer mehr Follower als die treffsicheren, und laut einer BaFin-Umfrage wussten 37 Prozent der jüngeren Anleger nicht, dass Finfluencer für Empfehlungen bezahlt werden. Vertrauen solltest du nicht der Reichweite schenken, sondern überprüfbaren Gründen und offengelegten Interessen.

Finfluencer, also Menschen, die in sozialen Medien über Geld und Geldanlage sprechen, haben für viele den Bankberater ersetzt. Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Manche erklären Zusammenhänge verständlicher als jede Broschüre. Aber ein gutes Video ist kein Beleg dafür, dass die Empfehlung darin gut ist.

Wie viele Anleger informieren sich bei Finfluencern?

Mehr, als man denkt. Bei einer Umfrage der BaFin im Mai 2024 unter 1.000 Menschen zwischen 18 und 45 Jahren, die in den zwei Jahren zuvor Geld angelegt hatten, hatten über 50 Prozent schon einmal Informationen zu Finanzthemen von Finfluencern erhalten. 60 Prozent betrachteten sie sogar als gute Alternative zur professionellen Beratung.1 37 Prozent wussten nicht, dass Finfluencer für Empfehlungen bezahlt werden.2

Eine weitere Erhebung der BaFin fand, dass Befragte mit Finfluencer-Kontakt deutlich häufiger Kryptowerte gekauft hatten, 48 gegenüber 13 Prozent.3 Das ist ein Zusammenhang, keine Wirkung: Wer sich ohnehin für Krypto interessiert, folgt vermutlich auch eher Finfluencern.

Wie treffsicher sind Finfluencer?

Dazu gibt es bisher wenig belastbare Forschung. Die wichtigste Studie, die wir gefunden haben, wertete Empfehlungen auf der US-Plattform StockTwits aus den Jahren 2013 bis 2017 aus. In einer Arbeitsfassung stuften die Autoren 28 Prozent der Finfluencer als treffsicher ein, 16 Prozent als nicht treffsicher und 56 Prozent als „antiskilled“, deren Empfehlungen also im Mittel in die falsche Richtung zeigten. Ausgerechnet die Schwächeren hatten mehr Follower und mehr Einfluss.4

Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu lesen. Die Einstufung hängt vom verwendeten Modell ab, es handelt sich um ein Arbeitspapier, und eine neuere Fassung haben wir noch nicht geprüft. Die Richtung ist trotzdem aufschlussreich: Reichweite und Treffsicherheit müssen nichts miteinander zu tun haben.

Für dich heißt das praktisch: Wer in dieser Stichprobe Finfluencern nach Reichweite gefolgt wäre, wäre eher bei den Schwächeren gelandet. Follower-Zahlen, Likes und ein professioneller Auftritt messen Aufmerksamkeit, nicht Treffsicherheit. Eine nachvollziehbare Bilanz über viele Empfehlungen, auch die gescheiterten, wäre ein besserer Hinweis, ist aber selten zu finden.

Das passt zu einem allgemeineren Befund. Auch bei Privatanlegern insgesamt ist echte Auswahlfähigkeit selten, und selbst gute Stockpicker decken oft ihre Handelskosten nicht.5 Warum sichtbarer Erfolg so wenig über Können verrät, erklärt der Eintrag Glück oder Können.

Was müssen Finfluencer offenlegen?

Mehr, als viele wissen. Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA hat 2024 darauf hingewiesen, dass auch informelle Beiträge in sozialen Medien mit Kurs- oder Kaufmeinungen rechtlich Anlageempfehlungen sein können.6 Die BaFin hat im August 2026 fünf Punkte genannt, auf die Finfluencer achten sollten:7

  • Kompetenz: Wer über Finanzprodukte spricht, sollte sie verstehen.
  • Transparenz: Wer für Inhalte Geld, Geschenke oder Vergünstigungen erhält, muss das deutlich sagen. Wer ein Produkt bewirbt, in das er selbst investiert ist, muss diesen Interessenkonflikt rechtzeitig offenlegen; ein fehlender Hinweis kann nach Einschätzung der BaFin Marktmanipulation sein.
  • Fairness: Risiken klar benennen, Fakten und Meinungen trennen und keine psychologischen Tricks anwenden, etwa die Angst erzeugen, etwas zu verpassen.
  • Gesetzliche Regeln: keine Anlageberatung ohne Erlaubnis.
  • Risikobewusstsein: keine Werbung für unseriöse Anbieter.

Diese Punkte richten sich an Finfluencer. Du kannst sie umdrehen und als Prüfliste für dich nutzen.

Woran erkennst du belastbare Inhalte?

Die folgenden Fragen sind aus den Punkten der Aufsicht und aus der Forschung abgeleitet. Getestet ist diese Prüfliste nicht; sie ist plausibel, aber ungetestet.

  1. Wird offengelegt, wer bezahlt und wer selbst investiert ist? Fehlt der Hinweis, fehlt ein Teil der Wahrheit.
  2. Werden Risiken so deutlich genannt wie Chancen? Ein Beitrag, der nur Aufwärtspotenzial zeigt, ist Werbung, auch wenn er nicht so heißt.
  3. Wird Zeitdruck erzeugt? „Jetzt noch“, „bevor es zu spät ist“: Gute Anlageentscheidungen haben selten eine Frist von 24 Stunden.
  4. Lassen sich die Gründe prüfen? Werden Zahlen, Quellen und Annahmen genannt, oder nur Überzeugung?
  5. Gibt es eine nachvollziehbare Bilanz, auch mit den Empfehlungen, die nicht funktioniert haben?

Warum dir dein Feed meistens recht gibt

Selbst wenn jeder einzelne Finfluencer seriös wäre, bliebe ein Problem: Du wählst aus, wem du folgst. Auf StockTwits folgten Nutzer, die auf steigende Kurse einer Aktie setzten, fünfmal häufiger anderen Optimisten als Pessimisten.8 Diese Echokammern waren bei Nutzern am stärksten, die auf ihre Meinung hin handelten.9 Mehr dazu im Eintrag Bestätigungsfehler.

Ein Beispiel

Deniz, 27, folgt seit 2021 mehreren Finfluencern. (Deniz ist eine erfundene Figur.) Einer davon stellt eine „Dividendenstrategie für passives Einkommen“ mit fünf Einzelaktien vor und verlinkt eine Handelsplattform. Deniz geht die fünf Fragen durch. Einen Hinweis auf eine Bezahlung findet er nur im Kleingedruckten der Videobeschreibung. Risiken werden in einem Nebensatz erwähnt. Das Video endet mit dem Satz, die Kurse seien „jetzt noch günstig“. Eine Bilanz früherer Tipps gibt es nicht.

Deniz kauft nicht. Er notiert die fünf Aktien aber mit Datum und Kurs, um in einem Jahr nachzusehen. Das ist keine Studie, aber es ersetzt ein Gefühl durch eine überprüfbare Zahl.

Häufige Fragen

Sind Finfluencer grundsätzlich unseriös?
Nein. Auch die BaFin schreibt, dass Finfluencer wertvolle Arbeit leisten können, indem sie fundiert informieren, und dass es zugleich schwarze Schafe gibt.7

Woran erkenne ich, ob ein Finfluencer bezahlt wird?
Nach den Hinweisen der BaFin müssen Finfluencer deutlich und verständlich darauf hinweisen, wenn sie für Inhalte Geld, Geschenke oder Vergünstigungen erhalten, und eigene Investitionen in beworbene Produkte rechtzeitig offenlegen.7 Achte auf solche Hinweise im Beitrag selbst, nicht nur im Profil. Fehlen sie bei einem Beitrag, der ein bestimmtes Produkt oder eine Plattform verlinkt, ist Vorsicht angebracht.

Ist ein Finfluencer-Tipp Anlageberatung?
In der Regel nicht im rechtlichen Sinn, denn Anlageberatung ohne Erlaubnis ist nicht erlaubt.7 Das heißt auch: Der Tipp berücksichtigt deine persönliche Lage nicht.

Ist eine KI die bessere Alternative?
Nicht automatisch. Was über Sprachmodelle als Anlageratgeber bekannt ist, steht im Artikel KI zur Geldanlage fragen?

Was du daraus machen kannst

Wähl die drei Finanzkanäle, denen du am meisten folgst, und prüfe je einen aktuellen Beitrag mit den fünf Fragen. Wenn du auf einen Tipp hin kaufen willst, schreib vorher deinen eigenen Grund auf, zum Beispiel im Entscheidungsjournal. Im Buch geht es in Kapitel 3 „Woher deine Ideen kommen“ ausführlich um Finfluencer, Foren und Nachrichten.

Quellen

  1. A-NB-206 · BAFI2024 – BaFin, BaFinJournal-Fachartikel „Generation Y und Z setzen auf Finfluencer“ (23.09.2024). Wortlaut am 28.09.2026 abgeglichen.
  2. A-NB-207 · BAFI2024.
  3. A-NB-208 · BAFI2025 – BaFin, Risiken im Fokus 2026, Kapitel zu Kryptowerten und sozialen Medien (n = 529 bzw. 471). Korrelation.
  4. A-NB-205 · KAKH2023 – Kakhbod, Kazempour, Livdan & Schürhoff, „Finfluencers“, Arbeitspapier vom 25.08.2023. Revision 2025 nicht geprüft.
  5. A-GK-1b18 · BARB2013 – Barber & Odean (2013), S. 1544–1546.
  6. A-NB-212 · ESMA2024 – ESMA, Warnung zu Anlageempfehlungen in sozialen Medien (06.02.2024), S. 1.
  7. W-FI-01 · BAFI2026 – BaFin, „Fünf Punkte, auf die Finfluencer achten sollten“ (19.08.2026; zuerst erschienen bei Business Insider, 29.07.2026).
  8. A-AU-210 · COOK2023 – Cookson, Engelberg & Mullins (2023), Review of Financial Studies 36(2).
  9. A-AU-211 · COOK2023.

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