Gewinne mitnehmen – wann ist das sinnvoll?
Kurzantwort: Gewinne mitzunehmen ist sinnvoll, wenn es einem Plan folgt: wenn eine Position zu groß geworden ist, du Geld brauchst oder deine Zielaufteilung aus dem Lot geraten ist. Verkaufen nur, um einen Gewinn zu sichern, folgt dagegen einem gut belegten Muster: Anleger realisieren Gewinne deutlich eher als Verluste, und in US-Kontodaten der Jahre 1987 bis 1993 hat sich das im Durchschnitt nicht ausgezahlt.
„Mit Gewinnen ist noch keiner arm geworden.“ Der Satz klingt vernünftig, und ein Verkauf im Plus fühlt sich gut an. Du hast recht behalten, der Gewinn ist „sicher“, niemand kann ihn dir mehr nehmen. Genau deshalb lohnt es sich, bei dieser Entscheidung genauer hinzusehen. Denn was sich gut anfühlt, ist nicht automatisch das, was zu deinem Plan passt.
Warum verkaufen Anleger Gewinner so gern?
Weil es ein verbreitetes Muster ist. In Kontodaten eines US-Brokers aus den Jahren 1987 bis 1993 realisierten Anleger an Verkaufstagen einen deutlich höheren Anteil ihrer Buchgewinne als ihrer Buchverluste.1 Dieses Muster heißt Dispositionseffekt. In denselben Daten entwickelten sich die verkauften Gewinner im folgenden Jahr im Schnitt um 3,4 Prozentpunkte besser als die weiter gehaltenen Verlierer.2 Anders gesagt: Hätten die Anleger eher Verlierer als Gewinner verkauft, wären sie im Durchschnitt besser gefahren. Das ist ein Durchschnitt über viele Entscheidungen in einer bestimmten Marktphase, kein Urteil über deine Aktie.
Eine andere Studie mit US-Kontodaten fand, dass die Verkaufsneigung mit größeren Gewinnen steigt, aber ebenso mit größeren Verlusten.3 Große Kursbewegungen in beide Richtungen scheinen Anleger zum Handeln zu bewegen. Und in Daten eines britischen Onlinebrokers hing die Neigung, eine Aktie im Plus zu verkaufen, auch davon ab, wie sie sich seit dem letzten Login entwickelt hatte. Schon ein kleiner Rückgang seit dem letzten Blick dämpfte die Verkaufsneigung.4 Was du dir anschaust, wird zum Maßstab.
Ist ein mitgenommener Gewinn wirklich „sicher“?
Nur, wenn du das Geld auch sicher anlegst oder ausgibst. Kunden einer deutschen Onlinebank, deren Fonds ohne eigenes Zutun aufgelöst wurde, legten das Geld nach einem Gewinn im Schnitt zu 83 Prozent wieder an.5 Wer Gewinne mitnimmt und das Geld danach in die nächste Idee steckt, hat sein Risiko nicht gesenkt, sondern nur ausgetauscht, und zahlt dabei womöglich Kosten und Steuern. Ob ein realisierter Gewinn steuerliche Folgen hat, hängt von deiner Lage ab und gehört in eine steuerliche Beratung.
Wann ist Gewinne mitnehmen sinnvoll?
Ein Verkauf im Plus ist gut begründet, wenn er einem dieser Anlässe folgt:
- Eine Position ist zu groß geworden. Eine Aktie, die sich verdreifacht hat, kann einen Anteil an deinem Depot erreichen, dessen Verlust du nicht tragen möchtest.
- Deine Zielaufteilung ist verrutscht. Wer eine feste Aufteilung zwischen Aktien und sicheren Anlagen hat, verkauft nach starken Anstiegen einen Teil der Aktien, um sie wiederherzustellen.
- Du brauchst das Geld für etwas, das du geplant hast.
- Dein ursprünglicher Grund gilt nicht mehr, und du würdest die Aktie zum heutigen Preis nicht kaufen.
Weniger gut begründet ist ein Verkauf, weil der Kurs „schon so weit gestiegen“ ist. Ein hoher Gewinn gegenüber deinem Kaufkurs sagt nichts darüber, wie es weitergeht; dein Kaufkurs ist dem Markt egal. In einer Hype-Phase kann der Wunsch zu verkaufen trotzdem ein sinnvoller Anstoß sein, deine Aufteilung zu prüfen. Mehr dazu im Eintrag Börsenblase.
Welche Frage hilft bei einer einzelnen Aktie im Plus?
Dieselbe wie bei einer Aktie im Minus, nur mit einem Zusatz: Würdest du diese Aktie heute zum aktuellen Preis kaufen, und zwar in genau dieser Größe? Die Frage blendet den Kaufkurs aus, der beim Verkaufen im Plus genauso mitredet wie beim Halten im Minus. Oft lautet die ehrliche Antwort: „Ja, aber nicht so viel.“ Dann ist ein Teilverkauf eine naheliegende Folge, die weder den Gewinn noch die Überzeugung verleugnet. Lautet die Antwort „ja, genau so“, gibt es wenig Grund zu verkaufen, außer du brauchst das Geld. Diese Neustart-Frage ist aus Laborbefunden abgeleitet und als Übung plausibel, aber ungetestet.
Wie sieht ein Verkauf nach Plan aus?
Ein fiktives Beispiel: Miriam, 41, hat sich zwei Drittel Aktienfonds und ein Drittel Tagesgeld und Anleihen vorgenommen (ihre Wahl, keine Empfehlung). (Miriam ist eine erfundene Figur, die Zahlen sind zur Veranschaulichung gewählt.) Bei 60.000 Euro sind das 40.000 und 20.000 Euro. Angenommen, der Aktienteil steigt ohne neue Einzahlungen um 60 Prozent auf 64.000 Euro. Das Depot ist dann 84.000 Euro wert, der Aktienanteil liegt bei gut 76 Prozent und damit über der Grenze von 75 Prozent aus ihren Regeln. Um wieder auf zwei Drittel zu kommen, schichtet sie 8.000 Euro aus dem Aktienteil in die sicheren Anlagen um.6
Das ist Gewinne mitnehmen, aber mit einer Begründung, die nichts mit dem Kaufkurs zu tun hat. Schwedische Haushalte glichen solche marktbedingten Verschiebungen im Mittel etwa zur Hälfte aus.7 Ob eine feste Umschichtungsregel das Verhalten oder das Ergebnis verbessert, ist nicht getestet; portfoliotheoretisch hält sie das Risiko in dem Rahmen, den du dir vorgenommen hast.
Hilfreich ist, die Regel vorher festzulegen. Im Labor senkte die Möglichkeit, Verkaufsaufträge vorab festzulegen und automatisch ausführen zu lassen, den Dispositionseffekt; eine bloße Erinnerung an den eigenen Plan wirkte dagegen nicht.8 Übertragbar ist das Prinzip, nicht ein bestimmtes Orderprodukt.
Häufige Fragen
Sollte ich Gewinne also immer laufen lassen?
Nein. Auch „Gewinne immer laufen lassen“ ist eine Pauschalregel, die sich aus der Forschung nicht ableiten lässt. Eine Position, die zu groß geworden ist, bleibt zu groß, auch wenn sie weiter steigt.
Was ist mit einem nachgezogenen Stoppkurs?
Eine klassische Stop-Order wird nach dem Auslösen in der Regel zu einem Verkaufsauftrag ohne Preisgrenze; bei Kurslücken kann der erzielte Preis deutlich unter dem Stoppkurs liegen.9 Ob ein Stoppkurs zu deinem Plan passt, ist deine Entscheidung. Eine Empfehlung ist das nicht.
Hilft es, den Kaufkurs auszublenden?
Möglicherweise. Als ein chinesischer Broker Gewinne und Verluste gegenüber dem Kaufpreis groß anzeigte, verstärkte sich die Neigung seiner Kunden, Gewinner zu verkaufen und Verlierer zu halten, um 17 Prozent.10 Wenn deine App es erlaubt, schau stattdessen auf Anteile und Aufteilung.
Und wenn die Aktie nach dem Verkauf weiter steigt?
Das passiert und ist kein Beweis für einen Fehler. Wie du mit dem Ärger umgehst und ob ein Wiedereinstieg sinnvoll ist, steht im Artikel Verkauft – und jetzt steigt sie.
Was du daraus machen kannst
Schreib zwei Regeln auf: ab welchem Anteil am Depot du eine einzelne Position verkleinerst und ab welcher Abweichung von deiner Zielaufteilung du umschichtest. Die persönlichen Anlageregeln bieten dafür eine Vorlage. Im Buch geht es in Kapitel 12 „Wenn es steigt“ um die Psychologie steigender Märkte.
Quellen
- A-DE-1a01 · ODEA1998 – Odean (1998), Journal of Finance 53(5), Tab. I, S. 1783.
- A-DE-1a04 · ODEA1998, Tab. VI, S. 1792. Durchschnitt, keine Aussage über einzelne Aktien.
- A-DE-1a08 · BEND2012 – Ben-David & Hirshleifer (2012), Review of Financial Studies 25(8).
- A-DE-1a10 · QUIS2024 – Quispe-Torreblanca, Gathergood, Loewenstein & Stewart (2024), Management Science.
- A-KV-1a03 · MEYE2022 – Meyer & Pagel (2022), Journal of Finance 77(3).
- W-MR-05 · Eigene Rechnung: 40.000 × 1,6 = 64.000; 64.000 + 20.000 = 84.000; 64.000 ÷ 84.000 ≈ 76,2 %; 84.000 × 2/3 = 56.000; 64.000 − 56.000 = 8.000.
- A-IN-337 · CALV2009 – Calvet, Campbell & Sodini (2009), Quarterly Journal of Economics 124(1), S. 301. Beschreibung, kein Test einer Regel.
- A-IN-315 · FISC2017 – Fischbacher, Hoffmann & Schudy (2017), Review of Financial Studies 30(6). Labor.
- A-IN-401 · SPAR2026 – Sparkasse, Ratgeberseite zur Stop-Loss-Order (28.08.2026).
- A-IN-309 · FRYD2020 – Frydman & Wang (2020), Journal of Finance 75(1).
Allgemeine Finanzbildung, keine Anlageberatung. Fehler gefunden? Schreib uns über das Kontaktformular; Korrekturen stehen offen auf der Seite Korrekturen.