Warum fühle ich mich schlecht, obwohl ich gut entschieden habe?

Kurzantwort: Weil dein Gefühl auf das Ergebnis reagiert, nicht auf die Qualität der Entscheidung. In Experimenten bewerteten Menschen dieselbe Entscheidung schlechter, wenn sie schlecht ausging, obwohl sie selbst sagten, das Ergebnis solle keine Rolle spielen. Ein schlechtes Gefühl ist deshalb kein Beweis für einen Fehler, aber ein guter Anlass, die Entscheidung in Ruhe zu prüfen.

Du hast dir etwas überlegt, bevor du gehandelt hast. Du hast die Kosten verglichen, die Aufteilung durchgerechnet, dir Zeit gelassen. Dann fällt der Markt, und von deiner Überlegung bleibt nur ein Gedanke: „Das war dumm.“ Das Gefühl ist so stark, dass es sich wie ein Urteil anfühlt.

Es ist aber kein Urteil. Es ist eine Reaktion. Und die Forschung erklärt ziemlich gut, warum diese Reaktion so zuverlässig kommt.

Warum fühlt sich ein schlechtes Ergebnis wie ein Fehler an?

Weil wir Entscheidungen fast automatisch nach ihrem Ausgang beurteilen. Jonathan Baron und John Hershey legten Teilnehmenden Fallbeschreibungen vor, in denen die Informationslage gleich war, der Ausgang aber verschieden. Die Teilnehmenden bewerteten die Entscheidung besser, wenn sie gut ausgegangen war, auch wenn sie selbst angaben, das Ergebnis solle keine Rolle spielen.1 Diese sogenannte Ergebnisverzerrung ist ein gut belegtes Laborphänomen. Die Autoren halten fest, dass es nicht reicht, sie zu kennen, um ihr zu entgehen.2

Dazu kommt der Blick zurück. Wer weiß, wie etwas ausgegangen ist, hält diesen Ausgang nachträglich für wahrscheinlicher.3 Nach einem Kursrückgang wirken die Warnzeichen deshalb klarer, als sie damals waren, und der Vorwurf an dich selbst wächst. Mehr dazu im Eintrag Rückschaufehler.

Warum hallen Verluste so lange nach?

In der veröffentlichten Forschung werden Verluste im Mittel stärker gewichtet als gleich große Gewinne.4 Wie stark, ist umstritten, und die Unterschiede zwischen Menschen sind groß: In einem Laborexperiment war nur knapp die Hälfte der Teilnehmenden deutlich verlustavers.5 Wenn dich ein Verlust lange beschäftigt, bist du also nicht ungewöhnlich, aber auch nicht zwingend „verlustavers“ im Sinne einer festen Eigenschaft.

Ein zweites Gefühl mischt sich oft dazu: Reue. Anleger kauften in US-Daten Aktien, mit denen sie Verlust gemacht hatten, auffallend selten zurück; die Autoren deuten das als Vermeidung von Reue, gemessen haben sie die Gefühle nicht.6 Und in einem Experiment lösten entgangene Gewinne stärkere negative Reaktionen aus als vermiedene Verluste.7 Das schlechte Gefühl nach einer guten Entscheidung speist sich also oft aus dem Vergleich mit dem, was hätte sein können. Mehr dazu im Eintrag Reueaversion.

Wann hat das schlechte Gefühl recht?

Manchmal. Ergebnisse sind nicht wertlos: Nach Baron und Hershey kann ein Ergebnis legitim informativ sein, wenn man die Umstände der Entscheidung nicht vollständig kennt.8 Und es gibt Entscheidungen, die tatsächlich schlecht waren, unabhängig vom Ausgang. Wenn du von deinem eigenen Plan abgewichen bist, eine Position viel größer gemacht hast als vorgesehen oder Geld angelegt hast, das du bald brauchst, dann ist das Gefühl ein berechtigter Hinweis. Der Punkt ist nicht, das Gefühl zu ignorieren, sondern es zu prüfen.

Wie prüfst du fair, ob du gut entschieden hast?

Bewerte zuerst die Entscheidung, dann das Ergebnis. Diese Fragen helfen dabei; sie sind plausibel, aber ungetestet:

  1. Was wusstest du damals wirklich? Nicht, was du heute weißt. Wenn du nichts aufgeschrieben hast, sei streng mit deiner Erinnerung.
  2. War die Überlegung auf dieser Grundlage vernünftig? Hast du Kosten, Risiko und Zeithorizont bedacht?
  3. Hast du dich an deinen Plan gehalten? Oder hast du spontan etwas geändert?
  4. War die Größe des Risikos angemessen? Ein Verlust, den du vorher als möglich eingeplant hattest, ist kein Planungsfehler.
  5. Was davon war Zufall? Welche Ereignisse konntest du nicht vorhersehen?
  6. Was würdest du am Vorgehen ändern, nicht am Ergebnis?

Schlag dabei deine Zahlen nach, statt sie zu erinnern. Anleger erinnern ihre vergangenen Renditen besser, als sie waren; wer seine echten Renditen nachschlug, überschätzte sich weniger.9 Der Reflexionsbogen führt dich durch diese Schritte.

Warum „Etwas tun“ das Gefühl selten löst

Ein schlechtes Gefühl drängt zum Handeln: verkaufen, umschichten, „die Sache abschließen“. Kunden einer deutschen Onlinebank legten Geld nach einem realisierten Verlust deutlich seltener wieder an als nach einem Gewinn.10 Wer im Ärger verkauft, trifft also oft zwei Entscheidungen auf einmal, die über den Verkauf und, unausgesprochen, die über den Wiedereinstieg. Eine Wartezeit von mindestens einem Tag, bevor du etwas änderst, ist keine geprüfte Methode. Sie soll verhindern, dass das Gefühl allein entscheidet; ob das gelingt, ist nicht untersucht.

Ein Beispiel

Miriam, 41, plant, in drei Jahren eine Wohnung zu kaufen. (Miriam ist eine erfundene Figur, die Zahlen sind zur Veranschaulichung gewählt.) Weil sie das Eigenkapital dann sicher braucht, zieht sie im Januar 20.000 Euro aus ihrem Aktien-ETF ab und legt sie auf ein Tagesgeldkonto. Bis zum Jahresende steigt der Fonds deutlich. Hätte sie das Geld dort gelassen, hätte sie einige Tausend Euro mehr. Miriam ärgert sich: „Das war zu vorsichtig.“

Sie geht die sechs Fragen durch. Im Januar wusste sie nicht, wie sich die Kurse entwickeln würden; niemand wusste es. Ihre Überlegung war auf dieser Grundlage vernünftig: Geld, das in drei Jahren sicher gebraucht wird, sollte nicht von einem guten oder schlechten Börsenjahr abhängen. Sie hat sich an ihren Plan gehalten, und das Risiko, das sie vermieden hat, war real, auch wenn es nicht eingetreten ist. Was sie am Vorgehen ändern würde? Nichts. Das Gefühl bleibt, aber es hat jetzt einen Namen: kein Fehler, sondern der Preis einer Absicherung, die in diesem Jahr nicht gebraucht wurde.

Häufige Fragen

Heißt das, Ergebnisse sind egal?
Nein. Ergebnisse können etwas sagen, vor allem wenn man die Umstände einer Entscheidung nicht vollständig kennt.8 Ein einzelnes Ergebnis ist aber ein schwacher Beleg, viele Ergebnisse zusammen sind ein stärkerer. Wenn eine Vorgehensweise immer wieder schlecht ausgeht, sagt das etwas über sie; das ist eine statistische Überlegung, kein eigener Befund.

Warum ärgere ich mich über andere weniger als über mich selbst?
Dazu gibt es in unserer Recherche keinen geprüften Befund mit Anlegern. Bekannt ist, dass Menschen Verzerrungen bei anderen leichter erkennen als bei sich selbst.11

Wann sollte ich eine Entscheidung bewerten?
Nicht in der ersten Aufregung. Der Reflexionsbogen schlägt vor, frühestens einen Tag nach dem Ereignis zu beginnen. Das ist eine praktische Regel, keine getestete.

Was du daraus machen kannst

Nimm die Entscheidung, die dich gerade am meisten ärgert, und beantworte die sechs Fragen schriftlich, bevor du etwas an deinem Depot änderst. Und für die nächste Entscheidung: Schreib vorher auf, was du erwartest und welchen Verlust du für möglich hältst. Dann hast du beim nächsten Mal etwas, woran du dein Gefühl messen kannst. Im Buch beginnt Kapitel 1 „Gut entschieden, schlecht gelaufen“ genau mit dieser Frage.

Quellen

  1. A-KV-1b21 · BARO1988 – Baron & Hershey (1988), Journal of Personality and Social Psychology 54(4), S. 569, 578.
  2. A-KV-1b22 · BARO1988, S. 578. Vorschlag der Autoren, nicht getestet.
  3. A-KV-1b19 · FISC1975 – Fischhoff (1975), S. 288, 290–291.
  4. A-VA-1a05 · BROW2024 – Brown, Imai, Vieider & Camerer (2024), Journal of Economic Literature 62(2), S. 485–510.
  5. A-VA-330 · SOKO2009 – Sokol-Hessner et al. (2009), PNAS 106(13), S. 5036.
  6. A-RE-1a01, A-RE-1a02 · STRA2011 – Strahilevitz, Odean & Barber (2011), Journal of Marketing Research 48. Deutung als Reue ist Autoreninterpretation.
  7. A-HE-207 · POTS2022 – Potsaid & Venkataraman (2022). Nur Zusammenfassung geprüft.
  8. A-KV-1b23 · BARO1988, S. 578.
  9. A-IN-326, A-IN-327 · WALT2021 – Walters & Fernbach (2021), PNAS 118(36).
  10. A-KV-1a03 · MEYE2022 – Meyer & Pagel (2022), Journal of Finance 77(3).
  11. A-IN-301 · PRON2002 – Pronin, Lin & Ross (2002), Personality and Social Psychology Bulletin 28(3), S. 369.

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