KI-Blase? Wie Börsenblasen entstehen – und was die Dotcom-Zeit zeigt

Kurzantwort: Ob die Kurse von KI-Aktien eine Blase bilden, kann niemand verlässlich vorhersagen, und dieser Faktencheck versucht es nicht. Die Forschung zur Dotcom-Zeit zeigt aber Muster, die du prüfen kannst: Unerfahrene liefen dem Trend eher hinterher, Geschichten verbreiten sich wie Ansteckungen, und Preise können lange weit vom Wert entfernt liegen.

„Platzt die KI-Blase?“ gehört zu den Fragen, die gerade viele Menschen in Suchmaschinen tippen. Die ehrliche Antwort beginnt mit einer Einschränkung: Für diese Website haben wir nicht untersucht, ob die heutigen Kurse gerechtfertigt sind, und wir kennen keine Studie, die das belastbar beantwortet.1 Was sich sagen lässt, betrifft nicht den Markt, sondern dich: Wie verhalten sich Menschen, wenn eine Geschichte die Kurse treibt?

Was ist eine Börsenblase?

Eine Börsenblase ist eine Phase, in der Kurse weit über das steigen, was sich mit den erwartbaren Erträgen der Unternehmen begründen lässt, und später stark fallen. Die Schwierigkeit steckt im ersten Teil: Was sich „begründen lässt“, ist im Moment selbst umstritten.

Die Forschung ist sich dabei in einem Punkt einiger als oft gedacht: Dass kaum jemand den Markt systematisch schlagen kann, heißt nicht, dass Preise immer richtig sind. Preise können deutlich vom Wert abweichen, ohne dass sich das gefahrlos ausnutzen lässt.2 Umstritten ist, wie oft das geschieht. Eine prominente Gegenposition hält viele scheinbare Übertreibungen im Rückblick für vereinbar mit Zufall.3 Mehr dazu im Lexikon: Börsenblase und Narrative.

Was ist beim Neuen Markt und der Dotcom-Blase passiert?

In Deutschland war das Segment „Neuer Markt“ das Schaufenster der Technologie-Euphorie. Sein Index Nemax 50 erreichte im März 2000 fast 9.700 Punkte und fiel bis Oktober 2002 auf gut 300 Punkte, ein Verlust von rund 97 Prozent; 2003 wurde das Segment geschlossen.4

Aufschlussreich ist, wer damals wie handelte. In den USA waren jüngere, also weniger erfahrene Fondsmanager um den Höhepunkt der Tech-Blase stärker in Technologieaktien investiert und kauften, was gestiegen war; ältere taten das nicht.5 Die Fonds der Jüngeren wuchsen bis zum Höhepunkt auf etwa das Vierfache, großteils durch Geld von Privatanlegern. Vor dem Höhepunkt schnitten sie besser ab, danach deutlich schlechter; unterm Strich blieb ungefähr nichts.6 Erfahrung schützt nicht vor Fehlern, aber wer nur steigende Kurse kennt, rechnet offenbar eher mit weiter steigenden.

Welche Rolle spielen Geschichten?

Eine große. Der Ökonom Robert Shiller argumentiert, dass sich wirtschaftlich wichtige Geschichten wie Epidemien verbreiten und selbst zur Ursache von Schwankungen werden können.7 Er sagt allerdings auch selbst, dass es dafür kein kontrolliertes Experiment gibt; es kann ebenso sein, dass steigende Kurse erst die Geschichten erzeugen.8

Ein verwandtes Muster zeigt sich bei Kryptowerten: Dieselben Privatanleger handelten bei Aktien und Gold eher gegen den Trend, bei Kryptowährungen dagegen mit dem Trend.9 Die Autoren vermuten als Erklärung ein Denkmodell, nach dem steigende Preise eine künftige Massenverbreitung ankündigen.10 Ob sich das auf KI-Aktien übertragen lässt, ist offen. Die Parallele liegt aber nahe: Bei einer Technologie, die „alles verändern“ wird, wirkt jeder Kursanstieg wie ein Beweis.

Warum ist eine Blase im Voraus so schwer zu erkennen?

Weil dieselben Anzeichen, die auf eine Übertreibung hindeuten, auch zu einem echten Umbruch passen. Hohe Bewertungen, viel Aufmerksamkeit, neue Anleger: Das gab es vor dem Absturz des Neuen Marktes, es gibt es aber auch bei Unternehmen, deren Geschäft tatsächlich rasant wächst. Dazu kommt, dass Privatanleger nachweislich bei Aktien kaufen, die gerade auffallen, und dass Käufe solcher Aufmerksamkeitswerte in einer US-App im Mittel mit negativen Folgerenditen einhergingen.11, 12 Aufmerksamkeit ist also ein schlechter Ratgeber, aber auch kein sicheres Blasensignal.

Was kannst du tun, ohne eine Prognose zu brauchen?

Du musst nicht wissen, ob es eine Blase ist, um vernünftig zu handeln. Drei Fragen genügen:

  • Wie groß ist die Position? Ein Anteil, dessen vollständiger Verlust deine Pläne nicht gefährdet, ist eine andere Entscheidung als ein Drittel deines Depots.
  • Warum jetzt? Stand die Idee vor dem Anstieg auf deiner Liste, oder bist du durch den Anstieg auf sie gekommen?
  • Was muss passieren, damit das gut ausgeht? Nicht „warum könnte es weiter steigen?“, sondern: Welche Erträge müssten die Unternehmen erzielen, damit sich der heutige Preis rechnet?

Wenn du bei der zweiten Frage merkst, dass vor allem die Angst, etwas zu verpassen, spricht, lohnt ein Blick in den Lexikon-Eintrag FOMO.

Ein Beispiel

Deniz, 27, hat in den letzten Monaten zugesehen, wie KI-Aktien stiegen. (Deniz ist eine erfundene Figur, die Zahlen sind ausgedacht.) Sein breiter ETF enthält schon einige dieser Unternehmen, trotzdem will er 3.000 Euro zusätzlich in einen Themenfonds stecken, fast die Hälfte seines Depots. Bei der Frage „Warum jetzt?“ muss er zugeben: Vor einem halben Jahr hatte er das Thema nicht auf dem Schirm. Er entscheidet sich für 500 Euro und schreibt auf, unter welchen Umständen er verkaufen würde. Ob das zu viel oder zu wenig war, wird er erst hinterher wissen. Aber die Größe passt jetzt zu dem, was er verlieren kann.

Häufige Fragen

Wann platzt die KI-Blase?
Darauf gibt dieser Faktencheck bewusst keine Antwort. Es ist nicht einmal sicher, dass es eine ist. Wer eine Antwort anbietet, stellt eine Prognose auf, keine Tatsache.

Soll ich meine KI-Aktien verkaufen?
Das hängt von deiner Aufteilung und deinem Plan ab, nicht von der Schlagzeile. Wie du Gewinne planvoll mitnimmst statt aus Reflex, beschreibt Gewinne mitnehmen – wann ist das sinnvoll?

War die Dotcom-Blase im Nachhinein nicht offensichtlich?
Im Nachhinein wirkt fast jeder Absturz vorhersehbar. Das ist ein bekannter Denkfehler, der Rückschaufehler.

Was du daraus machen kannst

Beantworte die drei Fragen für die Position, bei der dein Puls am schnellsten steigt, wenn sie in den Nachrichten ist. Im Buch geht es in Kapitel 12 „Wenn es steigt“ um Hypes, Blasen und einen Check für Käufe in steigenden Märkten.

Quellen

  1. W-LU-04 · Recherchestand 29.09.2026; bewusst keine Aussage über aktuelle Kurse.
  2. A-GE-1b32 · BARI2003 – Barberis & Thaler (2003), Handbook of the Economics of Finance, Kap. 18; gelesen als NBER-Arbeitspapier 9222, S. 3–5.
  3. A-GE-1b33 · FAMA1998 – Fama (1998), Journal of Financial Economics 49, S. 283–284. Bezieht sich auf Preisanomalien, nicht auf einzelne Anleger.
  4. A-EP-503 · CWOC2010 – Computerwoche (dpa), 09.03.2010. Sekundärquelle; Primärdaten der Deutschen Börse nicht geprüft.
  5. A-HE-205 · GREE2009 – Greenwood & Nagel (2009), Journal of Financial Economics 93. Alter als Näherung für Erfahrung; Profis.
  6. A-HE-206 · GREE2009, Arbeitspapierfassung S. 4–6.
  7. A-NA-201 · SHIL2017 – Shiller (2017), American Economic Review 107(4). Theorie mit historischen Beispielen.
  8. A-NA-202 · SHIL2017, Einleitung.
  9. A-NA-203 · KOGA2024 – Kogan, Makarov, Niessner & Schoar (2024), Journal of Financial Economics 159. eToro 2015–2019.
  10. A-NA-204 · KOGA2024, Zusammenfassung („we conjecture“). Vermutung der Autoren.
  11. A-AU-201 · BARB2008 – Barber & Odean (2008), Review of Financial Studies 21(2).
  12. A-HE-202 · BARB2022 – Barber, Huang, Odean & Schwarz (2022), Journal of Finance 77(6), Zusammenfassung. Nur Zusammenfassung geprüft.

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