Nachkaufen, um den Einstand zu senken?

Kurzantwort: Nachkaufen senkt deinen durchschnittlichen Kaufkurs, verbessert aber nicht die Aussichten der Aktie und vergrößert deine Position in einem Wert, der gerade gefallen ist. Vernünftig kann es sein, wenn du die Aktie heute ohnehin kaufen würdest und sie danach noch in dein Depot passt. Wer nur nachkauft, um schneller wieder auf Einstand zu kommen, lässt den Kaufkurs entscheiden.

„Verbilligen“ klingt nach einem guten Geschäft. Die Aktie ist gefallen, du kaufst günstiger nach, dein durchschnittlicher Kaufkurs sinkt, und schon ist der Weg zurück ins Plus kürzer. In vielen Ratgebern und Foren gilt das als kluge Taktik, in anderen als der klassische Anfängerfehler.

Beide Lager haben einen Punkt. Entscheidend ist, warum du nachkaufst.

Was bewirkt ein Nachkauf rechnerisch?

Ein fiktives Beispiel mit runden Zahlen: Werner, 63, hält 100 Aktien, gekauft zu je 50 Euro, also für 5.000 Euro. (Werner ist eine erfundene Figur, die Zahlen sind zur Veranschaulichung gewählt.) Der Kurs fällt auf 30 Euro, die Position ist noch 3.000 Euro wert. Um wieder bei 50 Euro zu sein, müsste die Aktie um rund 67 Prozent steigen.1

Werner kauft 100 Aktien zu 30 Euro nach. Jetzt hält er 200 Aktien mit einem durchschnittlichen Kaufkurs von 40 Euro. Bis zu diesem neuen Einstand fehlen nur noch rund 33 Prozent.2

Das sieht nach einem Fortschritt aus. Aber zwei Dinge haben sich nicht geändert und eines hat sich verschlechtert. Unverändert ist erstens der Wert seiner ursprünglichen 100 Aktien und zweitens die Frage, wie es mit dem Unternehmen weitergeht. Verschlechtert hat sich das Risiko: In der Aktie stecken jetzt 6.000 Euro statt 3.000 Euro. Fällt sie um weitere 20 Prozent, verliert Werner 1.200 Euro statt 600 Euro.2 Der niedrigere Einstand ist eine Zahl auf dem Bildschirm; das höhere Risiko ist echtes Geld.

Warum ist der Nachkauf so verlockend?

Weil er ein unangenehmes Gefühl auflöst, ohne dass man einen Verlust eingestehen muss. Die Prospect Theory von Daniel Kahneman und Amos Tversky sagt voraus, dass Menschen, die einen Verlust noch nicht „verarbeitet“ haben, eher zu riskanten Wetten neigen.3 Das ist eine Modellableitung; dass sich damit das Nachkaufen auf Einstand erklären lässt, ist eine Deutung. Sie passt aber zu dem, was viele Anleger beschreiben: Der Nachkauf fühlt sich weniger wie eine neue Investition an als wie ein Versuch, eine alte zu retten.

Richard Thaler beschreibt einen verwandten Mechanismus: Ein Konto mit Verlust zu schließen, fühlt sich schmerzhafter an als ein Verlust, der nur auf dem Papier steht.4 Der Nachkauf hält das Konto offen und gibt ihm eine neue, erreichbarere Zielmarke. Mehr dazu im Eintrag mentale Kontoführung. Wie gut diese Erklärungen das tatsächliche Verhalten treffen, ist offen; für das verwandte Muster, Verlierer zu lange zu halten, den Dispositionseffekt, konkurrieren mehrere Erklärungen.5

Wann ist ein Nachkauf vernünftig?

Ein Nachkauf kann gut begründet sein, wenn er eine neue, eigenständige Kaufentscheidung ist:

  • Du würdest die Aktie heute auch kaufen, wenn du sie noch nicht besäßest. Dann ist der gefallene Kurs ein Preis, kein Rettungsanker. Diese „Neustart-Frage“ ist plausibel, aber ungetestet.
  • Die Position passt danach noch in dein Depot. Wenn eine einzelne Aktie nach dem Nachkauf einen Anteil erreicht, dessen Totalverlust du nicht verkraften würdest, ist die Antwort nein, egal wie überzeugt du bist. Dass auch bekannte Unternehmen scheitern können, hat in Deutschland Wirecard gezeigt: Im Juni 2020 meldete das Unternehmen, dass 1,9 Milliarden Euro Treuhandguthaben wahrscheinlich nicht existieren, und stellte kurz darauf einen Insolvenzantrag.6
  • Du stellst eine Zielaufteilung wieder her. Wer ein Depot aus mehreren breiten Bausteinen hat und nach einem Rückgang den gefallenen Teil auf seinen Zielanteil aufstockt, handelt nach Plan, nicht nach Einstand. Schwedische Haushalte glichen marktbedingte Verschiebungen im Mittel etwa zur Hälfte aus.7 Das beschreibt Verhalten; ob es besser abschneidet, zeigt die Studie nicht.

Keine gute Begründung ist: „Dann komme ich schneller wieder raus.“ Dieser Satz behandelt den Einstand wie ein Ziel, das die Aktie kennt.

Ein Beispiel, wie es weitergehen kann

Zurück zu Werner. Er beantwortet zwei Fragen schriftlich. Würde er heute 3.000 Euro frisches Geld in dieses Unternehmen stecken? Er ist unsicher, denn der Grund für den Kursrückgang ist ein Umsatzeinbruch, den er nicht einschätzen kann. Und passt eine Position von 6.000 Euro in sein Depot? Bei rund 90.000 Euro wäre sie keine seiner größten Positionen, aber er würde sein Geld in einem Wert verdoppeln, dessen Umsatzeinbruch er nicht einschätzen kann, und das kurz vor der Rente, wenn er Geld aus dem Depot entnehmen will. Mehr möchte er dort nicht riskieren.

Werner kauft nicht nach. Er schreibt stattdessen auf, was sich am Unternehmen ändern müsste, damit er die Frage in einem Jahr mit Ja beantworten würde. Ob die Aktie in der Zwischenzeit steigt oder fällt, weiß er nicht. Aber seine Entscheidung hängt nicht mehr an den 50 Euro.

Häufige Fragen

Ist ein Sparplan nicht auch „Nachkaufen“?
Ein Sparplan kauft regelmäßig, unabhängig vom Kurs, meist in einen breit gestreuten Fonds. Er folgt einem vorher festgelegten Plan und nicht dem Wunsch, einen Einstand zu retten. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Sollte ich bei jedem Rückgang nachkaufen?
Nein, eine solche Regel lässt sich aus der Forschung nicht ableiten. Ob ein Nachkauf passt, hängt von deiner Lage und deinem Plan ab, nicht vom Kursrückgang.

Was ist mit „Buy the Dip“, also gezielt nach Einbrüchen kaufen?
Das ist etwas anderes als Nachkaufen auf Einstand, hat aber eine verwandte Schwäche: Ein starker Kursrückgang lenkt Aufmerksamkeit auf eine Aktie. In US-Brokerdaten waren Privatanleger gerade nach extrem schlechten Vortagesrenditen Netto-Käufer der betroffenen Aktien.11 Ob solche Käufe gut oder schlecht ausgehen, zeigt diese Studie nicht. Sie zeigt aber, dass der Rückgang selbst oft der Auslöser ist, nicht eine neue Einschätzung des Unternehmens.

Und wenn ich lieber verkaufen möchte?
Die Überlegungen dazu stehen im Artikel Aktie im Minus: verkaufen oder halten?

Was du daraus machen kannst

Leg für jede Einzelaktie vorab fest, wie groß sie in deinem Depot höchstens werden darf und ob du bei Rückgängen überhaupt nachkaufst. Im Labor senkten vorab festgelegte Regeln, die automatisch ausgeführt wurden, die Neigung, an Verlierern festzuhalten.8 Übertragbar ist das Prinzip, die Regel nicht jedes Mal neu zu verhandeln.9 Eine Vorlage bieten die persönlichen Anlageregeln. Eine kleine Denkübung kann ebenfalls helfen: jede Position als Teil des ganzen Depots betrachten. Im Labor gewichteten Teilnehmende Verluste dann im Mittel um rund 16 Prozent weniger stark.10 Im Buch geht es in Kapitel 9 „Verluste, Reue und der Wunsch nach ‚Einstand‘“ ausführlich um diesen Wunsch.

Quellen

  1. W-MR-01 · Eigene Rechnung: 50 ÷ 30 − 1 ≈ 66,7 %.
  2. W-MR-02 · Eigene Rechnung: (100 × 50 + 100 × 30) ÷ 200 = 40; 40 ÷ 30 − 1 ≈ 33,3 %; 200 × 30 = 6.000; 20 % von 6.000 = 1.200, von 3.000 = 600.
  3. A-VA-1a11 · KAHN1979 – Kahneman & Tversky (1979), Econometrica 47(2), S. 286–287. Modellableitung; Übertragung aufs Nachkaufen ist eine Deutung.
  4. A-KV-1a02 · THAL1999 – Thaler (1999), Journal of Behavioral Decision Making 12(3), S. 189.
  5. A-DE-1a13 · Eigene Synthese (ODEA1998, WEBE1998, BEND2012, BARI2009, GAL2018, QUIS2024).
  6. A-EP-504 · BMF2020 – Bundesministerium der Finanzen, Sachstandsbericht und Chronologie Wirecard (Stand 16.07.2020), PDF-S. 19–20.
  7. A-IN-337 · CALV2009 – Calvet, Campbell & Sodini (2009), Quarterly Journal of Economics 124(1), S. 301.
  8. A-IN-315 · FISC2017 – Fischbacher, Hoffmann & Schudy (2017), Review of Financial Studies 30(6).
  9. A-IN-316 · Eigene Ableitung aus FISC2017 und BRYA2010.
  10. A-IN-329 · SOKO2009 – Sokol-Hessner et al. (2009), PNAS 106(13), S. 5036–5037. 30 Personen, eine Sitzung.
  11. A-AU-202 · BARB2008 – Barber & Odean (2008), Review of Financial Studies 21(2), S. 788–789.

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