Neobroker, Push-Nachrichten und Handeln per App

Kurzantwort: Die App verändert, wie du handelst. In Daten zweier deutscher Banken kauften Anleger per Smartphone häufiger riskante, lotterieartige Papiere als dieselben Personen über andere Kanäle. Bei einem Broker, der Push-Nachrichten zu Aktien verschickte, hatten die dadurch ausgelösten Trades im Mittel einen höheren Hebel. Unabhängige Kontodatenstudien zu deutschen Neobrokern fehlen bisher.

Neobroker haben das Anlegen in Deutschland verändert. Ein Depot ist in Minuten eröffnet, Sparpläne kosten oft nichts, und eine Order ist drei Fingertipps entfernt. Das hat vielen Menschen den Einstieg erleichtert. Es hat aber auch die Situation verändert, in der Anlageentscheidungen fallen: Sie passieren jetzt in der Straßenbahn, auf dem Sofa, zwischen zwei Nachrichten.

Die Frage ist nicht, ob Neobroker gut oder schlecht sind. Die Frage ist, was die App mit deinem Verhalten macht und was du daran selbst einstellen kannst.

Wer handelt über Neobroker-Apps?

Vor allem jüngere Menschen, viele davon zum ersten Mal. In einer von Trade Republic beauftragten Befragung aus dem Jahr 2021 nannten 72 Prozent der Nutzer langfristige Altersvorsorge als Motiv; knapp 70 Prozent waren unter 35, knapp die Hälfte Börsenneulinge.1 Knapp 60 Prozent des Depotvermögens lagen dort in Einzelaktien, 26 Prozent in ETFs.2 Das ist eine Auftragsstudie mit Selbstauskünften, also mit Vorsicht zu lesen.

Eine unabhängige Studie der Hochschule München und der Universität Trier befragte zwei für deutsche Neobroker-Nutzer repräsentative Gruppen mit je gut 500 Teilnehmenden. Neobroker-Nutzer waren jünger und risikofreudiger als andere Anleger und kauften häufiger Derivate. Ihre Risikobereitschaft stieg mit der Zeit signifikant an, ihr Finanzwissen ebenfalls.3 Laut Pressemitteilung der Hochschule gaben nur sieben Prozent der Nutzenden an zu wissen, wie das Geschäftsmodell von Trading-Apps funktioniert.4 Wir kennen die Studie bisher nur aus ihrer Zusammenfassung und dieser Mitteilung.

Was verändert das Handeln per Smartphone?

Den stärksten Befund aus Deutschland liefert eine Auswertung von Kundendaten zweier deutscher Banken. Die Forscher verglichen Käufe derselben Person im selben Monat: einmal per Smartphone, einmal über andere Kanäle. Per Smartphone kauften die Anleger häufiger riskantere, lotterieartige Papiere und liefen häufiger vergangenen Gewinnern und Verlierern hinterher.5 Nachdem sie das Smartphone für sich entdeckt hatten, kauften sie auch über andere Kanäle riskanter, und dieser Effekt verschwand nicht wieder.6 Die Daten reichen bis 2017, und Smartphone-Käufe machten nur einen kleinen Teil aller Trades aus. Auf heutige Neobroker-Apps lässt sich der Befund deshalb nicht eins zu eins übertragen.

Was bewirken Push-Nachrichten und Benachrichtigungen?

Mehr, als man vermuten würde. Eine Studie wertete die Handelsdaten eines Brokers aus, der standardisierte Push-Nachrichten zu einzelnen Aktien an Privatanleger verschickte. Trades, die durch solche Nachrichten ausgelöst wurden, hatten im Mittel einen um 19 Prozentpunkte höheren Hebel als andere Trades.7 Es ging dort um gehebelte Produkte, und wir kennen die Studie nur aus ihrer Zusammenfassung. Die Richtung ist aber deutlich: Ein Anstoß von außen kann nicht nur zum Handeln führen, sondern auch zu mehr Risiko.

In einem Online-Experiment verstärkten Kursbenachrichtigungen Fehler bei Personen mit falschen Erwartungen.8 Wie stark Apps Aufmerksamkeit lenken, zeigt auch ein Befund aus den USA: Wenn die App Robinhood ausfiel, ging der Handel mit besonders beachteten Aktien überproportional zurück.9 Mehr dazu im Eintrag Aufmerksamkeitseffekt.

Welche Rolle spielt Gamification?

Mit Gamification sind spielerische Elemente gemeint, etwa Konfetti nach einem Kauf, Abzeichen oder Ranglisten. In einem randomisierten Online-Experiment erhöhten solche Elemente das Handelsvolumen im Schnitt um 5,17 Prozent. Der größere Teil des Unterschieds zwischen verspielten und nüchternen Plattformen ging aber darauf zurück, wer sich für welche Plattform entscheidet: zu 70 Prozent Selbstauswahl.10 Menschen mit geringerem Finanzwissen wählten eher die verspielten Plattformen.8 Ob das für echte Apps genauso gilt, ist offen.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat 35 Newsletter von vier Neobrokern aus dem August 2023 ausgewertet. Er fand Formulierungen, die Zeitdruck erzeugen, Hinweise auf vergangene Kursgewinne, Ranglisten der meistgekauften Aktien und eine Aufmachung wie in Messenger-Diensten. Spielelemente im engeren Sinn spielten in den Newslettern eine eher untergeordnete Rolle.11 Der Verband weist zudem darauf hin, dass Anbieter, die über Rückvergütungen von Handelsplätzen verdienen, ein Interesse an vielen Transaktionen haben können.12 Das ist eine Einschätzung, keine Messung, und die Auswertung ist nicht verallgemeinerbar.

Heißt das, Neobroker schaden ihren Nutzern?

So pauschal lässt sich das nicht sagen. Niedrige Kosten und einfache Sparpläne sind echte Vorteile. In der Münchner Studie gaben Neobroker-Nutzer sogar höhere Renditen an als andere Anleger, allerdings selbst berichtet und nicht um Risiko bereinigt.3 Und eine US-Studie zu Robinhood-Nutzern kam zu dem Ergebnis, dass diese als Gruppe nicht von Profis ausgenutzt wurden.13 Was fehlt, ist eine unabhängige Studie mit echten Kontodaten deutscher Neobroker-Kunden.14 Belegt ist vor allem, dass die Umgebung, in der du entscheidest, dein Verhalten mitprägt. Warum häufigeres Handeln im Mittel weniger übrig lässt, zeigt der Artikel Mehr handeln, weniger behalten.

Was du an deiner App selbst einstellen kannst

Die folgenden Vorschläge sind aus den Befunden abgeleitet und plausibel, aber ungetestet:

  • Push-Nachrichten zu Kursen und Einzelwerten abschalten. Behalte nur, was du wirklich brauchst, etwa Hinweise zu ausgeführten Sparplänen.
  • Ranglisten und „Trends“ meiden. Sie zeigen dir, was andere kaufen, nicht, was zu deinem Plan passt. Warum das so stark wirkt, beschreibt der Eintrag FOMO.
  • Einen festen Handelstermin wählen, etwa einmal im Monat am Rechner statt jederzeit am Handy. Wie Miriam die App aus dem Blickfeld nahm, steht im Artikel Seltener ins Depot schauen.
  • Vor jedem Kauf außerhalb des Plans einen Satz aufschreiben: Was hat den Kauf ausgelöst?

Ein Beispiel

Deniz, 27, handelt seit 2021 über eine App. (Deniz ist eine erfundene Figur.) Nach seiner ersten Jahresübersicht im Januar 2022 schreibt er vier Wochen lang zu jedem Trade in sein Entscheidungsjournal, was ihn ausgelöst hat. Am Ende zählt er: Von neun Trades folgten vier auf eine Benachrichtigung, zwei auf ein Video, einer auf eine Rangliste in der App, zwei auf eigene Überlegungen. Deniz ändert daraufhin zwei Dinge: Er schaltet die Benachrichtigungen bis auf die Ausführungsbestätigungen ab, und er handelt nur noch an einem festen Tag im Monat, am Rechner statt am Handy, weil gerade die Smartphone-Käufe in der Studie riskanter ausfielen.5 Ob seine Rendite dadurch steigt, weiß er nicht. Aber er weiß jetzt, wer bisher mitentschieden hat.

Häufige Fragen

Sind Trades ohne Ordergebühr wirklich kostenlos?
Nicht ganz. Auch ohne Ordergebühr zahlst du über die Spanne zwischen Kauf- und Verkaufskurs, und schlechtes Timing kostet unabhängig von Gebühren. Der Verbraucherzentrale Bundesverband verweist auf diese Spannen als Einnahmequelle der Handelsplätze.12

Welcher Neobroker ist der beste?
Das beantworten wir nicht; Produktempfehlungen gibt es hier bewusst nicht. Hilfreicher als die Wahl des Anbieters ist, wie du die App für dich einstellst.

Ist die Sparplanfunktion auch problematisch?
Nach den vorliegenden Befunden eher nicht. Die beschriebenen Effekte betreffen einzelne Käufe, Benachrichtigungen und Spielelemente, nicht regelmäßige Sparraten in breite Fonds.

Was du daraus machen kannst

Öffne heute die Einstellungen deiner Broker-App und geh die Benachrichtigungen durch. Frag bei jeder: Hilft sie mir, meinen Plan umzusetzen, oder lädt sie mich zum Handeln ein? Im Buch geht es in Kapitel 7 „Handeln fühlt sich gut an“ ausführlich um Apps, Handeln und Aufmerksamkeit.

Quellen

  1. A-DEU-204 · DIWE2022 – Kritikos, Handrich et al. (2022), Studie im Auftrag von Trade Republic, S. 1–2. Auftragsstudie, Selbstauskunft.
  2. A-DEU-205 · DIWE2022, S. 2. Stichtag 2021.
  3. W-NB-01 · FREI2024 – Freibauer, Grawert & Rieger (2024), The European Journal of Finance 32(10–12), S. 1279–1303. Nur Zusammenfassung geprüft; Befragungsdaten.
  4. W-NB-02 · HMUE2025 – Hochschule München, Pressemitteilung „Trading Apps verleiten zum Zocken“ (08.01.2025). Angabe aus der Pressemitteilung, in der Studie nicht selbst geprüft.
  5. A-NB-201 · KALD2021 – Kalda, Loos, Previtero & Hackethal (2021), NBER-Arbeitspapier 28363, PDF-S. 2.
  6. A-NB-202 · KALD2021, Zusammenfassung.
  7. W-NB-05 · ARNO2022 – Arnold, Pelster & Subrahmanyam (2022), Journal of Financial Economics 143(2), S. 846–875. Nur Zusammenfassung geprüft.
  8. A-NB-204 · CHAP2026 – Chapkovski, Khapko & Zoican (2026), Management Science. Nur Zusammenfassung geprüft.
  9. A-HE-201 · BARB2022 – Barber, Huang, Odean & Schwarz (2022), Journal of Finance. Nur Zusammenfassung geprüft.
  10. A-NB-203 · CHAP2026. Nur Zusammenfassung geprüft.
  11. W-NB-03 · VZBV2024 – Verbraucherzentrale Bundesverband (2024), „Investmentanreize in Newslettern von Neobrokern“, S. 5–15.
  12. W-NB-04 · VZBV2024, S. 3–5. Einschätzung des Verbands.
  13. A-HE-204 · WELC2022 – Welch (2022), Journal of Finance 77(3), PDF-S. 31.
  14. W-LU-03 · Lückenbefund (Prüfliste L-06); die Studie FREI2024 beruht auf Befragungen, nicht auf Kontodaten.

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