Seltener ins Depot schauen – hilft das wirklich?
„Schau seltener ins Depot, dann legst du besser an“ – ein beliebter Rat. Warum er im Labor funktioniert, im echten Depot aber kaum belegt ist.
Der Rat ist so verbreitet, dass er fast schon zum Allgemeinwissen gehört: Schau nicht so oft ins Depot. Wer täglich die Kurse verfolgt, sieht ständig kleine Verluste, wird nervös und trifft schlechtere Entscheidungen. Wer nur einmal im Jahr nachsieht, bleibt gelassen und hält länger durch.
Das klingt vernünftig, und es gibt dazu tatsächlich Forschung. Nur zeigt diese Forschung etwas anderes, als der Rat verspricht.
Die Idee: kurzsichtige Verlustangst
Hinter dem Rat steckt ein Konzept mit einem etwas sperrigen Namen: myopische Verlustaversion, also kurzsichtige Verlustangst. Die Idee stammt aus einer Modellrechnung der Ökonomen Shlomo Benartzi und Richard Thaler aus den 1990er-Jahren. Sie zeigten: Wenn Anleger Verluste stärker gewichten als Gewinne und ihr Depot etwa einmal im Jahr bewerten, würde das erklären, warum Aktien historisch eine so hohe Rendite über sicheren Anlagen boten.1 Ein bemerkenswerter Nebengedanke dieser Rechnung: Wer für 30 Jahre spart, aber jährlich Bilanz zieht, verhält sich im Modell ähnlich wie jemand mit einem Einjahreshorizont.2
Das ist eine Modellaussage, keine Beobachtung. Sie übernimmt für die Stärke der Verlustaversion den umstrittenen Wert 2,25, und es gibt andere Erklärungen für den Renditevorsprung. Aber sie lieferte eine Hypothese, die man testen konnte.
Im Labor: Ja, es wirkt
Und sie wurde getestet. In einem inzwischen klassischen Experiment ließen Uri Gneezy und Jan Potters 84 Studierende immer wieder entscheiden, wie viel ihres Einsatzes sie in eine riskante Lotterie stecken. Die eine Gruppe erfuhr nach jeder Runde das Ergebnis, die andere nur nach jeweils drei Runden. Die Gruppe mit der selteneren Rückmeldung setzte im Schnitt 67,4 Prozent ihrer Ausstattung ein, die andere nur 50,5 Prozent.3
Ein klarer Effekt. Allerdings mit Bedingungen, die man kennen sollte: Die Lotterie war extrem – in zwei von drei Fällen war der Einsatz weg, in einem von drei Fällen gewann man das Zweieinhalbfache des Einsatzes hinzu. Und zwischen Entscheidung und Ergebnis lagen Minuten, nicht Jahre.
Im echten Depot: kaum
Die entscheidende Frage ist, ob das auch gilt, wenn echtes Geld über lange Zeit in echten Fonds liegt. Genau das hat ein Forschungsteam um John Beshears untersucht. In einem Feldexperiment legten 597 Erwachsene in den USA ein Jahr lang echtes Geld in echte Fonds an. Zufällig ausgewählte Gruppen bekamen ihre Renditen seltener oder zusammengefasst angezeigt. Das Ergebnis: Der Aktienanteil veränderte sich dadurch nicht. Die Forscher konnten sogar ausschließen, dass er um mehr als zwei bis vier Prozentpunkte stieg.4
Warum der Unterschied zum Labor? Die Autoren zeigten in einem Folgeexperiment, dass der Laboreffekt an sehr extremen Renditeverteilungen hängt und daran, dass die Wetten sofort aufgelöst werden. Mit realistischeren Verteilungen oder einer Verzögerung verschwand er.5
Interessant ist ein Nebenbefund derselben Studie: Einen deutlichen Effekt hatte etwas anderes, nämlich das Zeigen historischer Renditeverteilungen. Wer eine Grafik mit vergangenen Ein- oder Fünfjahresrenditen sah, wählte einen um 11 bis 12 Prozentpunkte höheren Aktienanteil als die Gruppe ohne Renditegrafik.6 Das ist allerdings kein Beleg dafür, dass diese Entscheidung besser war; es zeigt nur, dass Informationen über Erwartungen wirken.
Es gibt auch einen Gegenbefund aus dem Feld, jedoch mit einer ganz anderen Gruppe: Professionelle Trader, die in einem natürlichen Experiment seltener Preisinformationen bekamen, investierten mehr in riskante Anlagen und verdienten mehr.7 Das ist eine Arbeitsfassung ohne abgeschlossene Begutachtung, mit Profis statt Privatanlegern und einer konstruierten Renditeverteilung. Auf dein Sparplan-Depot lässt sich das nicht einfach übertragen.
Wie oft schauen Anleger eigentlich hin?
Dazu gibt es gute Daten. Eine Studie mit den Logins von 100.000 Konten eines großen US-Fondsanbieters in den Jahren 2007 und 2008 zeigt zunächst: Anleger schauen viel häufiger in ihr Depot, als sie handeln.8 Und sie schauen nicht gleichmäßig. Nach Kursrückgängen sanken die Logins um 9,5 Prozent.9 Die Forscher nennen das den Vogel-Strauß-Effekt: Man steckt den Kopf in den Sand, wenn die Nachrichten schlecht sind.
Bemerkenswert ist, wer so reagiert: In diesen Daten war das Wegschauen bei Männern und bei Wohlhabenderen stärker ausgeprägt und bei derselben Person über zwei Jahre recht stabil; wer viele Anleihen hielt, zeigte es schwächer.10 Das legt nahe, dass Wegschauen eher eine Gewohnheit ist als eine Reaktion des Augenblicks; das ist allerdings eine Deutung. Wer sich hier wiedererkennt, bekommt damit keine Diagnose, aber einen Hinweis darauf, dass die eigene Art hinzusehen eine Eigenschaft ist, die man beobachten kann.
Ob das schadet oder hilft, ist offen. Die Autoren halten es für möglich, dass dieses Wegschauen vor Überreaktionen schützt, weil diese Anleger in schwachen Märkten auch weniger handelten.11 Belegt ist das nicht.
Was Hinschauen trotzdem verändert
Eine andere Studie zeigt, dass das Hinschauen nicht folgenlos ist, nur auf eine andere Weise. In Daten eines britischen Onlinebrokers wirkte jeder Login wie ein neuer Referenzpunkt: Anleger beurteilten ihre Positionen auch danach, wie sie sich seit dem letzten Blick entwickelt hatten. Schon ein kleiner Rückgang seit dem letzten Login reichte, um die Verkaufsneigung einer Aktie zu dämpfen, die seit dem Kauf im Plus lag.12 Was du anschaust, wird zu deinem Maßstab.
Und die Art, wie Zahlen angezeigt werden, kann das Handeln tatsächlich verändern. Als israelische Altersvorsorgefonds ab 2010 keine Renditen für Zeiträume unter zwölf Monaten mehr anzeigen durften, sank das Handelsvolumen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe um etwa 30 Prozent, und die Anleger reagierten weniger auf vergangene Renditen.13 Das ist ein Feldbefund aus einem besonderen Umfeld, aber er deutet an, wo der Hebel liegt: weniger in der Häufigkeit des Blicks als darin, welche Zahl du siehst.
Was du daraus machen kannst
Der Stand ist also: Dass seltenes Hinschauen dir mehr Rendite bringt, ist nicht belegt. Wegschauen kann sogar Aufgaben verdrängen, die erledigt werden müssen, etwa eine Kostenprüfung oder das Anpassen an eine neue Lebenslage. Belegt ist eher, dass das Hinschauen Maßstäbe setzt und dass die Darstellung beeinflusst, wie viel gehandelt wird.
Daraus lassen sich zwei Vorschläge ableiten – als Experimente, nicht als geprüfte Methoden:
- Feste Prüftermine statt Dauerblick. Zum Beispiel einmal im Quartal eine echte Durchsicht mit Plan, statt zehnmal täglich ein flüchtiger Blick auf die Tagesveränderung.
- Die Vergleichsgröße bewusst wählen. Nicht „seit gestern“ oder „seit dem Kauf“, sondern: Passt das Depot noch zu meinem Plan?
Ein dritter Gedanke betrifft die Frage, was du bei einem Prüftermin eigentlich tust. Die Versuchung ist groß, den Termin zu einem Kursblick mit Kalendereintrag zu machen. Sinnvoller ist eine kurze, feste Abfolge: Stimmen Aufteilung und Kosten noch? Hat sich an deinem Leben etwas geändert, das den Plan berührt? Gibt es eine Entscheidung, die du vorab festgelegt hast und die jetzt fällig ist? Wenn alle drei Antworten „nein“ lauten, ist Nichtstun kein Versäumnis, sondern das Ergebnis.
Ein fiktives Beispiel: Miriam hat die Broker-App auf dem Startbildschirm und öffnet sie an unruhigen Tagen ständig. (Miriam ist eine erfundene Figur.) Sie verschiebt die App in einen Ordner, schaltet die Kursbenachrichtigungen ab, schaut nur noch am ersten Samstag im Monat hinein und nimmt sich im Januar eine Stunde für den Jahrestermin. Ob sie dadurch besser anlegt, weiß niemand. Aber sie entscheidet nun zu einem Zeitpunkt, den sie selbst gewählt hat.
Quellen
- A-AU-1a01 · BENA1995 – Benartzi & Thaler (1995), gelesen als NBER WP 4369, PDF-S. 2, 6. Modellannahme.
- A-AU-1a02 · BENA1995, PDF-S. 11–12. Modellannahme.
- A-AU-1a03 · GNEE1997 – Gneezy & Potters (1997), Quarterly Journal of Economics 112(2), Tab. I, S. 639.
- A-AU-1a04 · BESH2017 – Beshears, Choi, Laibson & Madrian (2017), Review of Financial Studies; gelesen als NBER WP 16868, WP-S. 2–4.
- A-AU-1a05 · BESH2017, WP-S. 4–5.
- A-AU-1a06 · BESH2017, WP-S. 4.
- A-AU-1a07 · LARS2016 – Larson, List & Metcalfe (2016), NBER WP 22605. Vorläufig.
- A-AU-206 · SICH2016 – Sicherman, Loewenstein, Seppi & Utkus (2016), Review of Financial Studies 29(4), S. 865.
- A-AU-207 · SICH2016, S. 863, 865.
- A-AU-208 · SICH2016, S. 865. Kontextabhängig; nur 2007 und 2008 verglichen.
- A-AU-209 · SICH2016, S. 866. Autoreninterpretation.
- A-DE-1a10 · QUIS2024 – Quispe-Torreblanca, Gathergood, Loewenstein & Stewart (2024), Management Science.
- A-IN-310 · SHAT2017 – Shaton (2017), Finance and Economics Discussion Series 2017-043. Die dort genannte Modellrechnung zu mehr Vermögen im Ruhestand (A-IN-311) wird hier bewusst nicht übernommen.
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