Sparplan im Crash pausieren?
Kurzantwort: Einen Sparplan im Crash zu pausieren, ist vernünftig, wenn du das Geld brauchst oder deine Einnahmen wegbrechen. Aus Angst vor weiter fallenden Kursen zu pausieren, ist dagegen eine Wette auf den richtigen Wiedereinstieg. Studien zu Sparplan-Anlegern in Krisen fehlen weitgehend; belegt ist aber, wie stark Trägheit und Krisenstimmung wirken.
Der Sparplan läuft seit Jahren, jeden Monat, ohne dass du darüber nachdenkst. Dann fallen die Kurse, die Nachrichten werden lauter, und plötzlich fühlt sich die nächste Rate an wie Geld, das du in ein fallendes Messer wirfst. Die Pause-Taste in der App ist nur zwei Klicks entfernt.
Die meisten Ratgeber antworten darauf mit einem klaren „Niemals pausieren“. Das ist zu einfach. Es gibt gute Gründe für eine Pause. Nur ist Angst vor dem nächsten Kursrückgang meist keiner davon.
Was verändert sich im Crash an deiner Entscheidung?
Nicht nur die Kurse, sondern dein Blick auf Risiko. Wie stark das geschehen kann, zeigen zwei Zahlen: Im Frühjahr 2020 verlor der DAX in knapp einem Monat 38 Prozent.1 Der breite Weltindex MSCI World fiel zwischen Ende Oktober 2007 und Anfang März 2009 um 57,46 Prozent, gemessen in US-Dollar und vor Kosten.2
Bei Kunden einer italienischen Bank stieg die gemessene Risikoscheu nach der Finanzkrise stark, auch bei Menschen, die selbst keine Verluste erlitten hatten.3 Wer besonders risikoscheu wurde, verkaufte im Tief häufiger.4 Andere Forscher sehen die grundsätzliche Risikobereitschaft als eher stabil an und finden vor allem schwankende Einschätzungen von Risiko und Rendite.5 Für deine Entscheidung ist der Unterschied zweitrangig: Im Crash beurteilst du denselben Sparplan anders als in ruhigen Zeiten. Was die Forschung über Anleger in Krisen insgesamt weiß, steht im Artikel Börsencrash: Was tun?.
Was weiß die Forschung über Sparpläne in Krisen?
Erstaunlich wenig. In Deutschland nutzten 2025 laut Deutschem Aktieninstitut 5,3 Millionen Menschen Sparpläne.6 Eine Studie, die untersucht, wie deutsche Sparplan-Anleger in Krisen handeln und wie es ihnen damit ergeht, haben wir nicht gefunden.7 Auch die Websuche nach dieser Frage liefert vor allem Ratgeberseiten, keine Daten.8 Was folgt, stützt sich deshalb auf verwandte Befunde, nicht auf direkte Tests.
Der wichtigste verwandte Befund betrifft Trägheit. Als ein US-Unternehmen seine Beschäftigten automatisch in die betriebliche Altersvorsorge aufnahm, stieg die Teilnahme stark; viele blieben aber auch beim niedrigen voreingestellten Beitrag hängen.9 Was einmal eingestellt ist, bleibt oft so, wie es ist. Das spricht zunächst für den laufenden Sparplan. Es heißt aber auch: Ein pausierter Sparplan bleibt womöglich länger pausiert, als du geplant hast.
Ein zweiter Befund betrifft das, was nach einem Verlust passiert. Kunden einer deutschen Onlinebank legten Geld aus einem aufgelösten Fonds nach einem Verlust deutlich seltener wieder an als nach einem Gewinn.10 Eine Pause ist kein Verkauf. Aber auch sie verlangt später eine zweite Entscheidung, nämlich die über den Neustart, und die fällt nach schlechten Erfahrungen offenbar schwerer.
Was passiert rechnerisch, wenn der Sparplan weiterläuft?
Bei einer festen Rate kaufst du bei niedrigeren Kursen mehr Anteile. Mit 200 Euro bekommst du bei einem Anteilspreis von 100 Euro zwei Anteile, bei 70 Euro knapp 2,86 Anteile.11 Das ist Arithmetik, keine Renditegarantie: Ob sich die zusätzlichen Anteile lohnen, hängt davon ab, wie sich die Kurse danach entwickeln, und das weiß niemand. Genauso wenig ist „bei jedem Rückgang die Rate erhöhen“ eine Regel, die sich aus dieser Rechnung ergibt.
Wann ist eine Pause vernünftig?
Eine Pause kann gut begründet sein, wenn sich an deiner Lage etwas geändert hat, nicht an den Kursen:
- Deine Einnahmen sind unsicher geworden, etwa durch Kurzarbeit, Jobverlust oder eine Selbstständigkeit in der Krise.
- Dein Notgroschen ist aufgebraucht oder reicht nicht mehr für die nächsten Monate.
- Eine größere Ausgabe steht bevor, die du aus laufendem Einkommen bezahlen musst.
Die europäische Aufsicht trennt bei der Anlageberatung ausdrücklich zwei Dinge: die Fähigkeit, Verluste zu tragen, als Teil der finanziellen Lage, und die Bereitschaft, Risiken einzugehen, als Teil der Anlageziele.12 Eine Pause aus den genannten Gründen betrifft die Tragfähigkeit. Eine Pause aus Angst betrifft die Bereitschaft, und die schwankt in Krisen besonders stark. Wie du beides für dich klärst, beschreibt der Artikel Wie viel Risiko passt zu mir?
Wie pausierst du so, dass die Pause endet?
Wenn du pausierst, dann mit einem Ende. Drei Vorkehrungen, alle plausibel, aber ungetestet:
- Schreib den Grund auf, in einem Satz, der ohne aktuelle Kurse auskommt: „Ich pausiere, weil ich drei Monate in Kurzarbeit bin“, nicht „weil es gerade so stark fällt“.
- Leg ein Datum oder eine Bedingung für den Neustart fest und trag sie in den Kalender ein. Wer sich vorab auf künftige Schritte festlegte, hielt sie in einem bekannten Sparprogramm erstaunlich gut durch.13 Allerdings nutzen gerade die Menschen solche Selbstbindungen oft nicht, die sie am meisten bräuchten.14
- Prüfe, ob eine kleinere Rate reicht. Eine reduzierte Rate hält die Gewohnheit am Leben und schont trotzdem die Liquidität.
Ein Beispiel
Deniz, 27, spart seit 2021 150 Euro im Monat in einen breiten Aktien-ETF, daneben handelt er gelegentlich einzelne Werte. (Deniz ist eine erfundene Figur, die Zahlen sind zur Veranschaulichung gewählt.) Als die Kurse innerhalb weniger Wochen stark fallen, hat er die Pause-Taste schon unter dem Daumen. Sein Gedanke: „Ich warte, bis es sich beruhigt hat, und steige dann günstiger wieder ein.“
Bevor er tippt, geht er die drei Anlässe durch. Seine Stelle ist sicher, der Notgroschen unberührt, eine größere Ausgabe steht nicht an. Übrig bleibt nur ein Grund: Angst vor weiter fallenden Kursen. Und die Pause würde von ihm verlangen, später den richtigen Moment für den Neustart zu erwischen. Deniz lässt den Sparplan laufen. Stattdessen schaltet er für einen Monat die Kursbenachrichtigungen ab und schreibt in seine Anlageregeln, unter welchen Umständen er künftig pausieren würde.
Ob das die rentabelste Entscheidung war, weiß niemand. Aber sie folgt seiner Lage, nicht der Schlagzeile.
Häufige Fragen
Sollte ich im Crash die Sparrate erhöhen?
Das kann zu deinem Plan passen, wenn du freies Geld hast, das du lange nicht brauchst. Eine Regel ist es nicht. Bei Nutzern der US-App Robinhood stieg im Corona-Crash 2020 die Zahl der Aktienhalter,15 aber daraus folgt nicht, dass Zukaufen für dich richtig ist.
Was ist, wenn ich den Wiedereinstieg verpasse?
Genau das ist das Risiko einer Pause aus Angst: Sie verlangt, zweimal richtig zu liegen, beim Aussteigen und beim Einsteigen. Ein festes Neustart-Datum nimmt dir die zweite Entscheidung ab.
Soll ich den Sparplan ganz auflösen?
Das ist eine andere, größere Entscheidung. Ein vorab geschriebener Plan für hektische Börsenphasen hilft, sie nicht im Affekt zu treffen.
Was du daraus machen kannst
Schreib heute, in ruhiger Stimmung, zwei Sätze in deine persönlichen Anlageregeln: „Ich pausiere meinen Sparplan nur, wenn …“ und „Ich starte ihn wieder am … oder wenn …“. Im Buch geht es in Kapitel 11 „Wenn es fällt“ ausführlich um die Zeit nach dem Einbruch.
Quellen
- A-EP-506 · BUBA2020 – Deutsche Bundesbank, Finanzstabilitätsbericht 2020, PDF-S. 16 inkl. Fn. 1.
- A-EP-507 · MSCI2026 – MSCI World Index (USD), Factsheet, Stand 31.08.2026, S. 1. Bruttorendite in US-Dollar, vor Kosten und Steuern.
- A-RI-334 · GUIS2018 – Guiso, Sapienza & Zingales (2018), Journal of Financial Economics 128(3), S. 403.
- A-RI-335 · GUIS2018, S. 403–404.
- A-RI-333 · WEBE2018 – Weber & Klement (2018), CFA Institute Research Foundation Brief. Primärstudie nicht selbst gelesen.
- A-DEU-202 · DAI2025 – Deutsches Aktieninstitut, Aktionärszahlen 2025, S. 3.
- A-DE-401 · Lückenbefund der Recherche (Prüfliste L-05).
- W-LU-01 · Websuche vom 28.09.2026 („Sparplan im Crash pausieren“): nur Ratgeber- und Forenseiten, keine Studie.
- A-IN-318 · MADR2001 – Madrian & Shea (2001), Quarterly Journal of Economics 116(4); Zahlen aus NBER-Arbeitspapier 7682.
- A-KV-1a03 · MEYE2022 – Meyer & Pagel (2022), Journal of Finance 77(3).
- W-MR-03 · Eigene Rechnung: 200 ÷ 100 = 2; 200 ÷ 70 ≈ 2,857.
- A-RI-342 · ESMA2023 – ESMA, Leitlinien zur Geeignetheitsprüfung (2023), Tz. 23–24, 48. Richtet sich an Wertpapierfirmen.
- A-IN-317 · THAL2004 – Thaler & Benartzi (2004), Journal of Political Economy 112(1). Nicht randomisiert; Sparquote, keine Anlageentscheidung.
- A-IN-319 · BRYA2010 – Bryan, Karlan & Nelson (2010), Annual Review of Economics 2, S. 676.
- A-HE-203 · WELC2022 – Welch (2022), Journal of Finance 77(3). Robinhood-Nutzer, nur Zahl der Halter.
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