Wie viel Risiko passt zu mir?

Kurzantwort: Wie viel Risiko zu dir passt, hängt von zwei Dingen ab, die du getrennt prüfen solltest: was deine Finanzen an Verlusten aushalten, in Euro, und was du nervlich aushältst. Die europäische Aufsicht trennt beides ausdrücklich. Dein Gefühl für Risiko ist dabei ein wackliger Maßstab, denn es schwankt nachweislich mit der Marktlage und mit dem, was du erlebt hast.

Wer ein Depot eröffnet, bekommt meist einen Fragebogen. Am Ende steht eine Risikoklasse, vielleicht „ausgewogen“ oder „wachstumsorientiert“, und damit scheint die Frage beantwortet. Das Problem: Du füllst den Fragebogen an einem bestimmten Tag aus, in einer bestimmten Stimmung, nach einer bestimmten Börsenphase. Und du beantwortest Fragen zu Verlusten, die du dir in diesem Moment nur vorstellst.

Was ist der Unterschied zwischen Risikotragfähigkeit und Risikobereitschaft?

Die Risikotragfähigkeit beschreibt, welche Verluste deine Finanzen aushalten, ohne dass du deine Ziele aufgeben oder Schulden machen musst. Sie lässt sich in Euro ausdrücken. Die Risikobereitschaft beschreibt, welche Schwankungen sich für dich aushaltbar anfühlen.

Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA trennt in ihren Leitlinien zur Geeignetheitsprüfung, die greift, wenn Banken beraten oder Vermögen verwalten, genau diese beiden Dinge: die Fähigkeit, Verluste zu tragen, als Teil der finanziellen Lage, und die Risikotoleranz als Teil der Anlageziele. Sie rät außerdem, die Risikotoleranz nicht nur per Selbsteinschätzung zu erfragen, sondern mit konkreten Zahlen zu möglichen Wertverlusten.1 Diese Leitlinien richten sich an Wertpapierfirmen. Der Gedanke lässt sich aber auf deine eigene Planung übertragen.

Wie groß können Verluste werden?

Damit „Risiko“ nicht abstrakt bleibt, hilft eine Größenordnung. Der breite Weltaktienindex MSCI World fiel zwischen Ende Oktober 2007 und Anfang März 2009 um 57,46 Prozent, gemessen in US-Dollar, vor Kosten und Steuern.2 Ein Anleger in Euro hätte etwas andere Werte gesehen, aber die Größenordnung gilt: Ein breit gestreutes Aktiendepot kann zeitweise mehr als die Hälfte verlieren.

Wie oft ein Depot im Minus liegt, hängt stark vom Zeitraum ab, den du betrachtest. In einer Modellrechnung mit frei gewählten, vereinfachten Annahmen liegt ein Aktiendepot an einem einzelnen Tag mit 49 Prozent Wahrscheinlichkeit im Minus, in einem Jahr mit 34 Prozent und über zehn Jahre mit knapp 10 Prozent; mit Zinseszins gerechnet läge der Zehnjahreswert eher bei 13 Prozent.3 Das ist keine Prognose, sondern eine Illustration: Wie riskant sich eine Anlage anfühlt, hängt auch davon ab, wie oft du hinschaust und wann du das Geld brauchst.

Warum ist dein Gefühl ein wackliger Maßstab?

Weil es sich mit der Lage ändert. Bei Kunden einer italienischen Bank stieg die gemessene Risikoscheu nach der Finanzkrise stark: Für eine Fifty-fifty-Chance auf 10.000 Euro verlangten sie im Mittel eine Prämie von 2.500 Euro statt zuvor 1.000 Euro, und der Anteil derer, die gar kein finanzielles Risiko eingehen wollten, stieg von 16 auf 43 Prozent. Das galt auch für Menschen ohne eigene Verluste.4 Andere Forscher sehen die grundsätzliche Einstellung als eher stabil und finden vor allem schwankende Einschätzungen von Risiko und Rendite.5 Bei britischen Onlinebroker-Kunden veränderte sich die Risikobereitschaft in der Finanzkrise deutlich, und diese Veränderungen hingen stärker mit subjektiven als mit bezifferten Erwartungen zusammen.6

Hinzu kommt deine Biografie. Menschen, die in ihrem Leben niedrige Aktienrenditen erlebt haben, sind weniger risikobereit und halten seltener Aktien. Jüngere Erfahrungen wiegen stärker, doch auch frühe wirken Jahrzehnte nach.7 Wer 2021 angefangen hat, bringt eine andere Erfahrung mit als jemand, der 2008 im Markt war.

Auch zwischen Menschen sind die Unterschiede groß. In einem Laborexperiment war nur knapp die Hälfte der Teilnehmenden deutlich verlustavers, einige zeigten eher das Gegenteil.8 Und für große, vermögensrelevante Verluste gibt es kaum gute Daten; es ist offen, wie Menschen dort tatsächlich reagieren.9 Warum die bekannte Formel „Verluste wiegen doppelt“ wenig über dich sagt, erklärt der Artikel Verluste schmerzen doppelt?

Selbst die Darstellung beeinflusst deine Wahl. In einem Feldexperiment wählten Menschen, denen man historische Renditeverteilungen zeigte, einen um 11 bis 12 Prozentpunkte höheren Aktienanteil.10 Ob diese Wahl besser war, zeigt die Studie nicht. Sie zeigt, dass deine Antwort auf die Risikofrage davon abhängt, wie sie gestellt wird.

Wie findest du dein Risikomaß?

Ein einfaches Vorgehen in drei Schritten. Es ist aus den Befunden abgeleitet und plausibel, aber ungetestet:

  1. Tragfähigkeit in Euro. Zieh von deinem Vermögen ab, was du in den nächsten Jahren sicher brauchst, und den Notgroschen. Frag dann: Welcher Verlust auf den Rest würde deine Pläne nicht gefährden?
  2. Bereitschaft in Euro, nicht in Prozent. Stell dir den Verlust als Betrag vor, nicht als Prozentzahl. Und zwar so, wie er sich in einem schlechten Jahr anfühlen würde, nicht an einem guten Tag.
  3. Das Kleinere gilt. Wenn deine Finanzen mehr aushalten als deine Nerven, zählt die Grenze der Nerven, und umgekehrt.

Welcher Anlegertyp bin ich?

Viele Banken und Tests sortieren dich am Ende in eine Schublade: „konservativ“, „ausgewogen“, „chancenorientiert“. Ein solches Etikett ist bequem, aber es ist eine Momentaufnahme. Es hängt davon ab, wann du den Test machst und wie die Fragen gestellt sind, und beides kann sich stark auswirken, wie die Befunde oben zeigen.4, 10 Die europäische Aufsicht rät Banken deshalb auch, Risikobereitschaft nicht nur über Selbsteinschätzung zu erfragen, sondern mit konkreten Zahlen zu möglichen Verlusten.1

Statt eines Etiketts helfen drei Fragen, die du ehrlich für dich beantwortest. Sie liefern Hinweise, keinen Typ und keine Punktzahl, und sie sind plausibel, aber ungetestet:

  • Wie hast du dich im letzten Rückgang tatsächlich verhalten? Nicht, wie du dich verhalten wolltest. Wenn du noch keinen erlebt hast, ist das ein Hinweis, deine Einschätzung vorsichtig zu behandeln.
  • Welcher Verlust in Euro würde dich nachts wach halten? Die Zahl in Euro ist ehrlicher als ein Prozentwert.
  • Würdest du dieselbe Antwort nach einem schlechten Jahr geben? Wenn nein, gilt eher die vorsichtigere.

Vor einer konkreten Entscheidung, etwa einem Kauf außer der Reihe, führt dich der Reflexionscheck durch zwölf Fragen, ebenfalls ohne Punktzahl und ohne Urteil.

Ein Beispiel

Werner, 63, hat rund 90.000 Euro angelegt, fast alles in einzelnen Aktien, und braucht in absehbarer Zeit 8.000 Euro für ein neues Dach. (Werner ist eine erfundene Figur, die Zahlen sind zur Veranschaulichung gewählt.) Ein Rückgang wie beim Weltindex 2007 bis 2009 würde bei ihm rechnerisch rund 51.700 Euro bedeuten; mit einzelnen Aktien kann es auch mehr sein.11 Werner fragt sich zuerst, ob er dann sein Dach noch bezahlen könnte, und verkauft Aktien für die 8.000 Euro, bevor der Dachdecker kommt. Dann fragt er sich, ob er ein Minus in dieser Größenordnung aushalten würde, ohne zu verkaufen, zumal er in zwei Jahren Geld aus dem Depot entnehmen will. Seine Antwort: vermutlich nicht. Werner schreibt auf, welchen Verlust in Euro er tragen will, und prüft danach, wie viel seines Depots in einzelnen Aktien stecken soll.

Häufige Fragen

Reicht der Fragebogen meiner Bank nicht aus?
Er ist ein Anfang. Für Beratung und Vermögensverwaltung sollen Banken nach den Leitlinien der ESMA die Risikotoleranz nicht nur per Selbsteinschätzung erfragen; ob das für den Fragebogen deines Brokers gilt, hängt davon ab, ob er dich berät.1 Wer seine Grenzen zusätzlich in Euro durchrechnet, hat ein zweites, konkreteres Maß.

Sollte ich meine Aufteilung ändern, wenn sich mein Gefühl ändert?
Wenn sich deine Lage ändert, ja: Jobwechsel, Erbschaft, eine größere Ausgabe. Wenn sich nur die Stimmung an der Börse ändert, lieber nicht, denn genau dann schwankt das Gefühl am stärksten.4 Was das in einer Krise konkret bedeutet, steht im Artikel Sparplan im Crash pausieren?

Wann sollte ich meine Risikogrenze überprüfen?
In ruhigen Zeiten und zu festen Terminen, zum Beispiel einmal im Jahr. Halte das Ergebnis in deinen persönlichen Anlageregeln fest.

Was du daraus machen kannst

Rechne einmal durch, was ein Rückgang von der Hälfte deines Aktienanteils in Euro bedeuten würde, und schreib daneben, was du dann tun würdest. Wenn die Antwort „verkaufen“ lautet, ist das ein Hinweis, dass dein Aktienanteil größer ist als dein Risikomaß. Wie Anleger in echten Krisen reagiert haben, beschreibt der Artikel Börsencrash: Was tun?. Im Buch behandelt Kapitel 2 „Was dein Geld aushalten muss“ dieses Thema ausführlich.

Quellen

  1. A-RI-342 · ESMA2023 – ESMA, Leitlinien zur Geeignetheitsprüfung nach MiFID II (2023), PDF-S. 8 (Tz. 23–24), S. 16–17 (Tz. 48).
  2. A-EP-507 · MSCI2026 – MSCI World Index (USD), Factsheet, Stand 31.08.2026, S. 1.
  3. A-AU-401 · Eigene Modellrechnung (7 % erwartete Rendite, 17 % Schwankung p. a., Normalverteilung, unabhängige Renditen). Illustration, kein Index, kein Zeitraum.
  4. A-RI-334 · GUIS2018 – Guiso, Sapienza & Zingales (2018), Journal of Financial Economics 128(3), S. 403.
  5. A-RI-333 · WEBE2018 – Weber & Klement (2018), CFA Institute Research Foundation Brief. Primärstudie nicht selbst gelesen.
  6. A-RI-401 · WEBE2013 – Weber, Weber & Nosić (2013), Review of Finance 17(3), S. 847–883. Nur Zusammenfassung geprüft.
  7. A-MP-201, A-MP-202 · MALM2011 – Malmendier & Nagel (2011), Quarterly Journal of Economics 126(1); gelesen als Arbeitspapier 2009.
  8. A-VA-330 · SOKO2009 – Sokol-Hessner et al. (2009), PNAS 106(13), S. 5036. 14 von 30 Personen.
  9. A-VA-1a10 · YECH2025 – Yechiam & Zeif (2025), Preprint, PDF-S. 25–26.
  10. A-AU-1a06 · BESH2017 – Beshears, Choi, Laibson & Madrian (2017), Review of Financial Studies; gelesen als NBER-Arbeitspapier 16868, S. 4.
  11. W-MR-04 · Eigene Rechnung: 90.000 × 0,5746 ≈ 51.714. Illustration mit der Dollar-Zahl des Index.

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